tl;dr?

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Axel Kittenberger  //  

Dec 22 / 2:45am

Microblogging und die Wissenschaft

Nun ist es fertig. Ein ITA-Steckbrief über Microblogging im Rahmen des Projektes Interactive Science. Der erste Text, an dem ich maßgeblich mitgewirkt habe, mit einer ISSN-Nummer!

Jana Herwig (@digiom), Michael Nentwich (@cyberscientist), Jan Schmirmund (@J_SCH ) und ich (@axkibe) sind der Frage nachgegangen, was Microblogging (zurzeit insbesondere Twitter) für die Wissenschaft bedeutet und in der nahen Zukunft bedeuten könnte:

http://bit.ly/twitterita

Wenn man solche Themen behandelt, fällt hier besonders auf, was für die Sozialwissenschaften (wahrscheinlich auch Geisterwissenschaften) allgemein gilt: das Forschungsobjekt ist ein "moving target". Und das hier "moved" zurzeit besonders schnell. So hat sich Twitter in den Monaten (ich hatte die ersten Textbausteine Anfang September), in der wir daran arbeiteten, laufend verändert und verlangte immer wieder Anpassungen. So sind plattform-technisch unterstütze Retweets dazugekommen, Personenlisten und schließlich hat sich auch noch die Twitterfrage von "What are you doing?" zu "What's happening?" verändert.

Ich bin jedenfalls hoch gespannt, was in den nächsten 5, 12 oder 24 Monaten passieren wird. Wie wird/würde so ein Steckbrief aussehen, wenn man nächstes Jahr nochmal schreiben würde? Wie in 5 Jahren? Denkt man im Vergleich nur zurück, wie hat das Web vor 5 Jahren ausgesehen? Wie der Alltag des Wissenschaftlers/der Wissenschaftlerin am Computer vor 10 Jahren?

Das zweite das auffällt, wenn man über so ein Thema schreibt: die "Fachsprache" die sich entwickelte; die Menge an Fachbegriffen und Anglizismen, die sich fast unbemerkt hinein schleichen. Da der Steckbrief gedacht ist, von Personen gelesen zu werden, die nicht bereits Twitterianer (oder "scientwists") sind, haben wir uns bemüht, erstens wenn leicht und ohne Inhaltsverlust möglich, Fachbegriffe zu vermeiden, zweitens haben wir dann ein Microblogging-Glossar angehängt. Schlußendlich dachten wir, eigentlich zu schade nur für einen Anhang, hat es doch einiges an Arbeit gemacht.

Daher gibt es das Glossar nun im Web: für die, die in die Microbloggingwelt mal schnuppern und sich über den neuen Begriffshaufen wundern:

http://bit.ly/twitterglossar

Weitere Blogposts dazu:

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Dec 10 / 3:57pm

Wieso Doodle.com böse ist!

Doodle: Terminfindung ganz einfach! Oder doch nicht? Doodle.com ist inzwischen schon bald jedem ein Begriff. Meist lernt man Doodle kennen, indem man gebeten wird, bei einer Terminfindung auf doodle mitzumachen. Daher ist es eine Plattform die sich so auch gut ausbreiten kann. Aber wenn alles so schön und einfach ist, wieso bin ich heute gegen Doodle?

Ich hab schon gedoodlet, da gab es Doodle noch gar nicht, bzw. war maximal ein paar Wochen oder Monate alt. Jedenfalls, kaum jemand kannte es damals. Ende 2003, gerade mit meinem Sozioökonomiestudium angefangen und die ersten Prüfungen abgelegt, war mein Kopf noch voll von "PFO" (Personal, Führung, Organisation). Für eine Gruppe von ca. 15 Personen galt es, einen Termin für einen gemeinsamen Abend zu finden. Die Idee, sich zu treffen, wurde per Email verteilt, gleich gemeinsam mit einem Datum. Dieser Tag kam nicht nur mir sehr ungelegen, habe auch an den Antworten der anderen gesehen, das die Mehrzahl das gleiche Problem hatte. Aber anstatt einen alternativen Termin vorzuschlagen oder auszuhandeln, hatte ich die "brilliante" Idee, ganz nach PFO-Manier, das zu systematisieren. Ich schickte eine Email aus, mit einer leeren Tabelle aller Wochentage der kommenden drei Wochen und der Bitte jeder möge doch ein 'X' an den Tagen eintragen, wo er Zeit hat, und mir die Email zurück schicken. Ich bildete dann die Spaltensummen und ein Termin ward gefunden! Dummerweise fiel genau einer raus: die Person, die das Treffen ursprünglich imitiert hat und folglich dieses System heftig kritisierte. Trotzdem wurde an den neuen Termin festgehalten, wurde er doch so wissenschaftlich gefunden. Damals hab ich die Kritik an diesem so schönen, doch so genialen, einfachen System als Unfug gehalten. Heute hegt sich bei mir noch die unterschwellige, irrationale Befürchtung, diese Aktion hat auf irgendwelche Umwege über die involvierten Personen, die diese Idee weitergetragen haben könnten, zur Gründung von doodle.com geführt. Ich wäre quasi mit Schuld an der heutigen Doodlekratie! Da auf http://de.wikipedia.org/wiki/Doodle 2003 aber als Gründungsdatum angegeben ist, geht es sich zeitlich, beruhigenderweise, nicht ganz aus. Doodle muss schon ein wenig vorher unabhängig angefangen haben.

Was spricht nun gegen Doodle?

1. Alles-oder-Nichts. Jede/r kann nur angeben, ob er/sie kann oder nicht. es gibt keine Abstufungen wie: "lieber da nicht, geht aber schon.", "Da versäume ich zwar die ersten 15 Minuten, aber das ist nicht so schlimm.", "Wenn würde ich lieber Freitags, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob auch der überhaupt geht", usw. Zwar gibt es laut Doodle-FAQ nun die kaum verwendete Möglichkeit (mir wurde es noch nie angeboten), die Kategorie "wenns-sein-muss" als Option bei einer Terminfindung hinzuzufügen, jedoch besteht bei weitem noch immer nicht das breite Spektrum, wie gut oder schlecht einem ein Termin kommt, wie es sich bei "normaler" Kommunikation/Diskussion/Terminverhandlung findet. Es ist bei abgestimmten Terminen nicht ersichtlich, wie gut einem der Termin passt oder nicht passt. Man kann auch beobachten, dass Leute die jeweilige Schwelle zwischen ja/nein unterschiedlich setzten. Die einen kreuzen alle Tage an, an denen sie es irgendwie doch schaffen könnten, die anderen nur die Tage, die ihnen besonders gelegen gekommen. Scheinbare Gleichheit der TeilnehmerInnen wird doch zur Ungleichheit, da zweitere viel eher den Termin zu ihrem gewünschten Ergebnis lenken, während erstere bedacht sind, dass überhaupt ein Termin zustande kommt.

2. Manche späte AbstimmerInnen stimmen strategisch ab. Auf Doodle.com ist einer Person das Zwischenergebnis schon ersichtlich, bevor sie abstimmt. Das mag eine Unterstellung sein, aber manchmal vermute ich, dass wenn z.B. zwei gleichwertige Termine bestehen, manche Personen die spät abstimmen, nur für diesen stimmen, der ihnen noch ein Stückchen lieber wäre, obwohl sie eigentlich zu beiden Terminen könnten. Dies ist eine Variante von Punkt 1, aber nochmal dadurch verschärft, dass sogar die gleiche Person die Schwelle zwischen Ja und Nein für unterschiedliche Tage unterschiedlich setzt.

3. Bei Doodle abzustimmen, wird nicht mal annähernd als bindend angesehen. Wieviele Leute haben schon gedoodelt, die Festsetzung des Termins wesentlich beeinflusst und sind dann nicht erschienen? Ich hab das schon oft erlebt. Ein krasses Beispiel ist jetzt ein Jahr her. Eine Mehrheit, von übrigens späten Doodlern, hat den sich vorher schon abzeichnenden Termin verschoben und davon ist dann doch fast kaum jemand gekommen. Das, obwohl es sich um ihren Termin handelte. Zusätzlich sind die Personen, die jedenfalls gekommen wären, wenn sie nur irgendwie könnten, überstimmt, d.h. doodlekratisiert, worden. Nur gerade an diesem Tag konnte von diesen kaum eine/r. Meine Hypothese ist: Für Termine, in deren Bestimmung man sich aktiv verbal angebracht hat, fühlt man sich dadurch auch gleich viel stärker gebunden, wenn man sich durchsetzen konnte, bzw. den Nachteil einer anderen Person aktiv zur Kenntnis nehmen musste, usw. Noch dazu Bedarf es ja schon ein ausführlicheres 'Commitment', zumindest einen kurzen Absatz zu schrieben, welchen Termin man aus welchen Grund bevorzugt, als schnell mal irgendwelche Kreuzeln durchzuklicken. Daher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen einen Termin festlegen, denen auch mehr daran liegt.

4. Es können keine neue Dimensionen aufgemacht werden. Da erinnere mich noch vage ein Freifach, viel später in meinem Studium, Titel: "Verhandeln". Was uns beigebracht wurde: Wenn eine Lösung ausweglos erscheint, das heißt, sich beide Seiten unmöglich treffen konnten, versuche neue Dimensionen öffnen. (Die vorhergehenden Übungsbeispiele waren so angelegt, dass die (geheimen) Vorgaben beider Seiten sich nie treffen konnten, und man irgendwelche Kompensationsgeschäfte dazu erfinden musste, um zu einem Abschluss zu kommen) Beim Ablauf einer Doodle Abstimmung kann keine neue Idee entstehen, wie man vielleicht noch ganz anders zu einer für alle Beteiligten noch befriedigendere Situation kommt.

In Summe: es wird nicht mehr kommuniziert bzw. verhandelt und das ist schade. Macht dies doch ein guter Teil des Sozialseins aus. Ja, ich sehe schon ein, dass nicht jeder Zeit hat, lang über Termine zu diskutieren, besonders, wenn eine/r/m diese nicht so wichtig sind (Dann stimme aber doch bitte bleich nicht ab.) Doodle mag für manche Gruppen funktionieren - und bitte keine Testimonials, "für mich hats aber bei Event X doch super geklappt". Für mich haben manche gedoodleten Termine auch schon geklappt, aber auch schon viele nicht! Es ist jedenfalls wichtig auch mal darüber nachzudenken, welche Nachteile man sich mit dieser scheinbar so einfachen Methode einfangt. Mancher der Kritikpunkte liesen sich ja auch auf die Benutzungskultur zurückführen, anstatt des Artefakts selber. So kann man ja auch anhand der Tabelle doch den Termin nehmen, der zwar nicht die meisten Stimmen hat, jedoch diese Personen beinhaltet, die beim letzten Termin übergangen worden sind - ein Punkt der selbstverständlich bei kommunzierter Terminverhandlung auftaucht, solche Personen stärker zu berücksichtigen. Doch wer macht das nach einer Doodlerei schon? Artefakten sind doch gewisse Skripte eingeschrieben und bei Doodle ist das: Klick-Klick, Submit und weg - kümmert mich nicht weiter. Ergebnis = Stimmenmaximum.

- Doodle Vader

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Nov 22 / 7:20am

Wie stellen sich WissenschaftlerInnen in ihrer Twitter-Bio dar?

Ausgehend von rezenten Diskussionen, habe ich nun ohne zeitlich großen Aufwand eine Auswertung der Twitter-Bios von WissenschaftlerInnen durchgeführt, die auf wissenschafts-cafe (http://www.wissenschafts-cafe.net/2009/06/sciencetwitter-twitternde-wissenschaftler-062009/) als solche gelistet werden.

Zu den gebildeten Kategorien ist neben den selbstredenden folgendes zu sagen:
* Als "WissenschaftlerIn" sind Profile eingeordnet, in denen entweder Wissenschaftler(in), Scientist, Naturwissenschaftler, Professor usw. zu lesen ist.
* "Nichts" sind Profile, deren Biographie leer ist, bzw. überhaupt nicht ins Kategoriensystem passen, wie z.B "Hin- und hergerissen zwischen Pro und Contra Twitter und Co!".
* Unter "Thema" hab ich Profile eingeordnet, die nur ein Thema listen, z.B. "Musik, Chemie und Tee". Eine Bezeichnung wie "Sozialwissenschaftler" ist dabei kein Thema.
* "Privates" sind Profile, die eindeutig als eher "privater Lebensstand" eingestufte Information enthalten, wie z.B. "Familienvater", "Mutter zweier Kinder", u.s.w.
* "Organisation"  sind jene Twitter-Bios in denen die Organisation genannt wird, in der die WissenschaftlerIn arbeitet. D.h. ein Profil kann hier auch in mehreren Kategorien fallen. Z.B. wenn eine Organisation genannt wird, wird meist auch ein Hinweis auf den WissenschaftlerInnenstatus gegeben (umgekehrt gilt das aber nicht).

Diskussion: Man kann jetzt zwar feststellen, dass "WissenschaftlerIn" die häufigst vorkommende Kategorie ist, jedoch sind das nur 33% der Profile! Aufteilend auf die restlichen Kategorien, stellen sich 67% andersartig dar. Der relative hohe Anteil an "BloggerInnen" ist nicht überaschend, geht eine Nähe zu Blogs wahrscheinlicher mit einer Nähe zu Microblogging einher. Auffallend ist weiters, dass weniger als 10% es für wichtig erachten, ihre Organisation in ihrer Bio aufzuführen.

Die Ergebnisse sind dahin zu relativieren, dass ich keine Ahnung habe, wie das Wissenschafts-Café diese Liste gebildet hat. So sind z.B: WissenschaftsjournalistInnen und vereinzelnd auch StudentInnen darin enthalten. Mein Statement ist jedoch, bildet man ein Sample von Twitternden WissenschaftlerInnen für Untersuchungen anhand der Bezeichung "WissenschaftlerIn" im Twitter-Bio, übersieht man leicht mehr als die Hälfte der relevanten Grundgesamtheit.

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Oct 6 / 3:29am

Vom Reiz des Volatilen

Gerade als 'Newcomer' fragt man sich gelegentlich: Was machen eigentlich Konferenzen?. Wissensaustausch ist wohl die offensichtliche Antwort. Muss man aber dafür wirklich vor Ort sein? Kann man zu diesem Zweck nicht auch einfach den Tagungsband lesen? Das berüchtigte 'Netzwerken' und die Sozialisation von jungen Wissenschaftlichern sind sicher zwei der Antworten dafür, warum man dennoch im 'Meatspace' sein sollte. Als eine weitere wichtige Funktion halte ich die Entstehung von etwas, das Kuhn 'Paradigma' nannte (neben dem anderen Dutzend an Bedeutungen, die das Wort allein schon in Kuhns Buch hatte, geschweige den unzähligen weiteren Bedeutungen, die es in den inflationären Rezeptionen erhielt.) Konferenzen haben in diesem Sinne oft einen Unterton, der durch die Veranstaltung hindurch schwingt: Vermutungen, Ansätze oder Vorstellungen, was, wie gefragt werden sollte. Dieser ist auch oft genug nicht durch den Titel oder Untertitel der Veranstaltung vorgegeben oder intendiert. Habe schon erlebt, dass dieser in einer guten Zusammenfassung/Rückblick am Ende erwähnt wurde, so zum Beispiel: "most presentations I've heared had the assmumption that [X], I've just not seen any evidence for it".

Ein bedeutender Anreiz dabei zu sein ist jedoch das Vergängliche. Wer nicht dabei war, der kann das auch nicht mehr nachholen. Fullpaper hin oder her. Der Vortrag ist unwiderruflich weg, sowie die Diskussionen im Panel und möglicherweise am Gang oder dem Buffet sind weg. Livestreaming und die damit verbundene Videoaufzeichnung wollen hier Abhilfe schaffen. Die Auswirkungen gestalten sich verschiedenartig. Selbst hab ich es daheim schon genossen, bei etwas als langweiliger empfundenen Teilen eines Livestreams auch offensichtlich etwas anderes tun zu können. Wie sehr die Videoaufzeichnung das Geschehen im 'Meatspace' verändert lässt sich diskutieren. Möglicherweise lässt sich der/die Vortrage nun nicht mehr zu mutigeren Mutmaßen hinreißen, da nun wieder alles Rückverfolgt werden kann. Wenn jedes Wort einer Publikation nahe kommt, verfliegt vielleicht die Funktion dieser Ereignisse in der Gruppe ungezwungen nachdenken zu können. Ich habe einmal mit einer Philosophin gesprochen, die sich sehr daran gestört hat, das einer ihre Vorträge transkripiert veröffentlicht wurde. Hätte sie es geschrieben, hätte sie sich viel diffiziler ausgedrück. Vielleicht etabliert sich aber auch eine Kultur, dass man trotz Videoaufzeichnung einen Vortragenden expost nicht jedes Wort analysieren sollte und einen im Web gespeicherten Videovortrag mit Stunde und Minute zu zitieren geht schon gar nicht. Im moment scheint sich als Kompromiss die Gepflogenheit einzubürgern Keynotes zu streamen und aufzuzeichenen, Panels hingegen im kleineren Kreis flüchtig zu halten.

Die Volatilität des Panels übt jedoch einen Druck aus, bei dessen einmaligen stattfinden auch dabei zu sein. Sie zwingt auch Gesagtes zu hören, über das man sonst hinweg gegangen wäre. In diesem Sinne erinnert es wieder an Kuhn: es schafft so eine gemeinsame Basis. Eine Geschichte von mir dazu, wie sich das mit Aufgezeichnetem verhält: letztes Jahr hab ich mich an einem Samstagmorgen spontan entschlossen in den Zug zu steigen, um zu einem kleinem Workshop nach Linz zu fahren. Der Workshop hat schon um 9:00 begonnen. Es war unmöglich dass ich das schaffte. Aber im Programm waren die zwei Vorträge, deren Titel mich am meisten interessierten sowiso am Nachmittag. Der Workshop war wirklich klein, ich frage mich, ob ich nicht der einzige Anwesende war, der nicht auch präsentierte. Bald erfuhr ich, dass sie kurzfristig das Programm geändert hatten und ein Vortrag, den ich hören wollte, schon am Vormittag war. Das hat mich richtig gefuchst. Aber der Vorteil bei einer Veranstaltung dieser Größe ist, man kommt viel leichter mit den Vortragenden ins Gespräch. Ich meine damit auch wirklich ein Gespräch, abseits von Großveranstaltungen, wo man sich dann höchstens rühmen kann, dieses oder jenes wissenschaftliches 'Starlet' die Hand geschüttelt zu haben. Jedenfalls beruhigte mich die Dame, sie habe sowieso vor ein paar Monaten einen sehr ähnlichen Vortrag auf einer anderen Veranstaltung gehalten, dieser sei im Internet zu finden. Daheim hab ich das gegoogelt, gefunden und gebookmarkt. Zum Ansehen war ich in diesem Moment sowieso viel zu müde. Aber es war ja da! Man kann sich es ja jederzeit ansehen. Ich habe es mir bis heute nicht angesehen! Ist das nicht irgendwie paradox? Damals hab ich mich bei der Heimfahrt gefragt, ob dieser Nachmittag die 60€ ÖBB-Gebühr wert war (habe keine Vorteilscard). Nun ja, ohne hätte ich diese nette Geschichte nicht erzählen können. In einem anderen Zusammenhang hab ich mal gelesen, das Bookmarking hätte ja selten die Funktion, dass man sich die Seite je wieder ansehe. Vielmehr käme es einem kleinen Sieg im Spiel "Internetsurfing" gleich; wie bei der Jagd, nur wird die Beute nicht erledigt, sondern gebookmarkt.

In einem ähnlichen Sinne führte ich unlängst im Rahmen eines Miniprojektes ein Interview mit einer Lehrenden. Sie beklagte sich, die Studenten würden sich mit den Inhalten nicht mehr intensiv genug auseinander setzten. Zum Teil sei die Lernplattform, als auch die Unterrichtsmethode schuld, da der ganzen Stoff nun in kleine Häppchen serviert würde, anstatt das man Primärtexte durchackern würde. Die Studenten vertrauen darauf, bei Bedarf das für eine Aufgabe notwendige Wissen schnell finden zu können. Da es in kleine Portionen geteilt ist, glaube man auch nur das jeweils Notwendige sich schnell aneignen zu können. Grundlage von dieser Aussage war eine Lernplattform, in der der Stoff nach bester 'Hypertext'-Ideologie aufbereitet wurde. Hat Hypertext neben den veschiedenen Träumen von Bush, Engelbart, Nelson und Berners-Lee plötzlich eine dunkle Kehrseite? Jedenfalls zeigt diese Vermutung auch, dass Seitens der Studenten ein enormes Vertrauen in die anderenorts viel diskutieren Lernplattform herrscht. Sie vertrauen darauf, das Wissen sei eh da, wenn sie benötigen. Es wird nicht als volatil angesehen, hat daher keine Reiz und man muss es sich auch nicht rechtzeitig aneignen, wenn man es erst später brauchen könne. Wobei, betrachtet man das rasche Wechseln der Plattformen allein auf der Universität Wien, mag man sich fragen, worauf dieses Vertrauen begründet.

Wer nun nicht die Zeit hatte, diesen Text zu lesen, der hat wohl einfach einen Del.icio.us Tag gemacht. Der Text ist nicht volatil. Das heißt, er wird viel unwahrscheinlicher gelesen. Dennoch, wenn man von einer Veranstaltung zur nächsten hetzt, was bei meinem privat finanzierten Budget sowieso nur begrenzt möglich ist, fühle mich teilweise wieder ans Ende meiner Pubertät zurückversetzt, wo ich irgendwann erkannte, dass man nicht bei jeder Diskonacht dabei sein muss, so wirklich was versäumt oft auch nicht. Qualität statt Quantität. Die Couch daheim kann auch etwas bieten, auch wenn diese nicht volatil ist.

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