Axel Kittenberger  //  Dissertant an der UniWien; Soziologie, STS, Semantic Web, technosoziologischer Enthusiamus, Visionen, HobbyOpenSourceCoder

May 16 / 8:32am

Kreativ in Wien, Lebensverläufe österreichischer Chefredakteure

Nun ist es so weit! Das Buch, wo zwei StudienkollegInnen - Louise Horvath, Susanne Mayer - und ich ein Kapitel beigetragen hab, ist im Handel. Am 18. Mai 2011 war die Buchpräsentation. Die von den Herausgeber*innen originell verfasste Einladung, unten als Bild.

Das ganze war ursprünglich ein einjähriges studentisches Forschungsprojekt, das wir nun als Buchkapitel aufbereitet haben, welches von den Herausgeber*innen dankenswerterweise organisiert wurde. Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, mit welchen Ressourcen/Mitteln wurde man in Österreich Chefredakteur*in?. Der Gendergap steht hier für einen tatsächlichen Gap. 2006 waren das durchwegs Männer. Bei den Tageszeitungen gab es nur vereinzelt Chefredakteur-Stellvertreterinnen. Wir haben drei Kohorten herausgearbeitet, zwischen denen es größere Unterschiede gibt und in der Kohorte bemerkenswerte Gemeinsamkeiten: die Nachkriegs-, die Intellektuellen- und die Managerkohorte. So ist veränderte sich deren Selbstverständnis, die Art ihre Biografien zu erzählen, das Verhältnis zu Politiker*innen, die Eintrittsbarrieren und die Art diese Position einzunehmen und mehr.

Zwei Punkte streiche ich hier im Blog heraus. Auffallend ist, dass kaum einer der Chefredakteure Publizistik studierte, jedoch fast alle zumindest irgendein Studium anfingen. Klar ist das historisch zu sehen, und wie das heute ist, kann ich sagen. Für den betrachteten Zeitraum ist aber klar, es sind die diversen Metakompetenzen, die auf der Universität erworben werden, die in diesem Bereich mehr zählen, als der Inhalt eines Studium ans sich. Was diese sind, könnte ich nur mutmaßen. Es ist beachtlich, wie die Kohorten sich aus dem Material ergeben, und die in den Zwischenräumen geborene offenbar schlechte Chancen (oder Interesse) hatten, diese Position zu erlangen. Was
passiert ist leuchtet ein, nach dem WKII wurden Personen "ohne Vergangenheit" gebraucht. Diese hielten dann lange die Positionen innen, besonders, da die ohne Vergangenheit sehr jung waren, bis die nächste Generation Eintritt bekam, und diese hielt wiederum. Ich bin ja selbst sehr gespannt, wie die nächste Kohorte aussehen wird, falls wir drei es schaffen in 15 Jahren nochmals zusammen zu kommen!

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May 9 / 2:27pm

Auf der Suche nach neuen Ufern, der Textverarbeitung

In den letzten Tagen habe ich nach langer Zeit überlegen und beobachten nun angefangen, ein paar Sachen zusammen zuschreiben. Dabei ist mir aufgefallen, ich weiß eigentlich gar nicht womit!

Die normale Antwort wäre MS-Word, ist ja inzwischen das meist verwendete Programm, quasi "der Klassiker". Für die meisten Menschen im Prinzip ja auch nicht die schlechteste Wahl. Es kann im Prinzip ja alles, was man im akademischen Bereich so braucht: Literaturverwaltung (Plugins von Zotero oder Endnote), Rechtschreib- und Grammatikprüfung und Sketching direkt im Programm (Zeichnen von einfachen Visualisierungen). Aber ich kann damit einfach nicht länger arbeiten. Meine Arbeitskolleg_innen haben schon mehr als einmal angemerkt, sie hören schon außerhalb von meinen Büro, wenn ich mit MS-Word arbeite. Besonders, wenn ich mir irgendwann mal ein Layout einbilde, das nicht trivial ist, z.B. eine Grafik so zu legen, das diese nicht abgeschnitten ist, oder eine Seite halb leer. Auch wenn ich mir das abgewöhne, mit Word zu arbeiten, macht mir einfach keinen Spaß. Da kann ich nicht mal ganz genau sagen, welchen des vielen Kleinigkeiten
es ausmacht, dass soll mir vielleicht eine Kognitions-, Verhaltenswissenschaftler_in oder Psycholog_in sagen. Ich weiß nur eins, mit MS-Word werde _ich_ nie einen größeren Textkorpus zusammen bekommen.

Daher evaluiere ich gerade, was es so alles für Alternativen gibt und werde diesen Post auch updaten.

OpenOffice -- ist ja die nächste Wahl nach MS-Word, und ich würde im Zweifel sogar noch eher das nehmen, als MS-Word. Aber es ist auch nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Zum einen bin ich nicht überzeugt davon, dass die die 1990er-Style Menüstruktur beizubehalten wirklich so eine gute Idee ist. Die neuen Balken wie sie MS-Office 2007 und 2010 von Apple ab-geguckt haben, finde ich, einmal daran gewöhnt, gar nicht so schlecht. Außerdem ist OpenOffice nicht wirklich schneller, oder braucht weniger Speicher als MS-Office. Im Gegenteil. Auch heute gerade im Seminar von Axel Bruns versucht eine CSV-Datei zu importieren, mit 140.000 Einträgen. Calc hat versagt. Nicht das ich das jetzt unbedingt für Texte bräuchte, zeigt aber doch, wie sehr OpenOffice noch in den eigenen Schranken gewiesen ist. MS-Excel 2010 hat es übrigens anstandslos importiert, wenn auch im Arbeiten recht mühsam, weil ständig lange Warteschleifen, in denen das Programm gar nicht geht (also wieder, im Prinzip gehts, macht aber kein Spaß). Jetzt hat noch dazu Oracle, die ja Sun gekauft haben, auch die Open Source Gemeinde rund um OpenOffice vergrault. Die haben jetzt LibreOffice gegründet. Nun haben sie dann aber doch OpenOffice wieder frei gestellt. Es ist unklar was nun die Zukunft bringt. Ich werde LibreOffice noch mal genauer evaluieren. Ich nehme an, da der Split erst ein paar Monate alt ist, im moment ist der Unterschied noch nicht so groß.

Google Docs - Im Prinzip mag ich Google Docs schon. Auch ist es mir Prinzip egal, wenn die Daten irgendwo in "der Cloud" sind -- solange ich eine Kopie mal machen kann. Es liegt aber auf der Hand, dass es zwar nett für Notizen und so ist, für größere Textmengen aber unbrauchbar. Es kann auch zu viel einfach nicht, und das fängt mit der Literaturverwaltung an, und hört mit Kleinigkeiten auf, an denen ich letzten gescheitert bin, ein Non-Breakable-Space an einer bestimmten Stelle einzufügen - z.B. 10 kg, sollte nie zwischen 10 und kg getrennt werden.

Scrivener -- Ein ganz aktueller Tipp. Dass es zuerst nur Mac war, stört mich im Prinzip nur bedingt. Im Zweifelsfall, wenn ich die "Text-Software-of-my-Dreams" finde, kauf ich mir notfalls auch ein MacBook dazu. Das es jetzt ein Windows Beta gibt, ist ein schönes Plus. Von der Idee her, ist es genau das, was ich mir immer schon vorgestellt habe! Einzelne Textfetzten eh Textblöcke bearbeiten, und die dann auf einer Pinnwand umherschieben zu können. Auch auf der gleichen Pinnwand Notizen zu haben, die dann nicht ins Dokument kommen usw. Aber das größte Manko ist auch ein Killer: keine integrierte Literaturverwaltung. Ja, man kann zwar Zotero-Specialcodes einfügen, die dann z.B. so aussehen {bla-code-043421:2323}, und Zotero ersetzt das dann mit RTF-Scan im "fertigen" .rtf Document dann mit der passenden Zitation. Aber das ganze ist so - mäh. Auch mag ich nicht, dass Scrivener überhaupt kein Layouting kann. Die vorgeschlagene Nutzungsweise ist als "Drafter", das heißt, das ganze am Schluss in z.B. MS-Word kopieren, und dort dann mit passenden Layout versehen - mäh! Ich brauch zwar kein WYSIWYG (What you see is what you get), aber ich will mit einem Knopf ein halbwegs passendes Dokument haben,und nicht jeden Zwischenschritt wieder und wieder Layouten. Schließlich habe ich auf den Scrivener-Forum geschrieben, dass ich es im Prinzip toll finde: aber ich bräuchte wirklich eine Möglichkeit meine Notizen über Literatur, die dann auch in Scrivener als Notizsystem wären, auch mit passenden Literaturdaten (Zitation) versehen zu können. Nicht nur dass sie sehr patzig reagiert haben, auch hat der nicht eine Sekunde verstanden, was ich wollte. Ich hätte ja Verständnis gezeigt, dass sie im Moment andere Sorgen/Prioritäten haben, aber so schroff und unverständnisvoll reagieren? Da werde ich sicher kein Geld einwerfen, oder mich in eine Abhängigkeit begeben.

La/Tex (Wiki) - Jede_r Natur- oder Technikwissenschaftler_in wird sagen, verwende doch das! Ich kann nur sagen, been there, done that. Nicht nur, dass ich ein Großteil meiner Seminararbeiten damit gemacht hätte, auch meine Diplomarbeit war letztlich (La)Tex. Genau genommen war es ein Wikisystem, dass Tex exportieren konnte. Auf dieses Wiki hab ich aber überhaupt keine Lust mehr, wird auch nicht mehr nennenswert entwickelt, noch würde ich mit dem Entwickler je wieder zusammen arbeiten wollen (eine andere Geschichte). Auch hat es einfach viel zu viele Workarounds für alles mögliche bedurft, die einfach viel Zeit gekostet hatten. Ich habe mich auch mal nach anderen Wikisystem umgesehen, die gut Latex exportieren könnten, bin aber nicht fündig geworden. Mit Latex selbst im Texteditor will ich nicht arbeiten, dass ist vielleicht in den Natur- und Technikwissenschaften schön, wo mit vielen Formeln gearbeitet wird, ich will den Text aber "anfassen" können, ohne dass er voll mit Steuerzeichen wäre. Wie oben geschrieben, exaktes WYSIWYG brauche ich nicht, aber ein "Gefühl" schon - WYSIWYM (What you see is what you mean!). Ob mit Wiki rund herum oder ohne, ich kann mich erinnern, es geht dann einfach viel Zeit für Kleinigkeit drauf, wenn mal etwas nicht genau in das Template passt. Ich kann mich erinnern, für ein Workingpaper in einer Serie, wo meine Gruppe als einzige nicht MS-Word sondern eben beschriebenes Wiki verwendet hat. Die EditorIn wollte eine ganz bestimmte nicht-standard TrueType Schriftart haben, ich habe zwei(!) Wochenenden gebraucht, diese in LaTeX zu importieren - den es müssen Metriken gebildet werden, Pfade gesetzt und was weiß ich alles.

Auf der Liste, die ich noch näher ansehen will - keeping it updated:

  • Abiword
  • Nota Bene
  • DevonThink
  • LyX
  • Mellel (mit Bookends?)
  • Pages

 

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May 3 / 7:05am

Open Space: "Sonnenenergie für alle", 6. Mai 2011 (Ma. Enzersdorf)

Die Personen, die mich auf Facebook kennen, wissen es schon: Ich bekenne mich ja seit ein paar Wochen öffentlich zu Grün, und engagiere mich auch in meiner Gemeinde, Maria Enzersdorf. In diesem Sinne, diesen Freitag gibt es für alle, die´sich für nachhaltige Energiegewinnung interessieren, eine interessante Veranstaltung mit anschließenden Kabarett „Wurscht und Wichtig“ von Bauernfeind und Linhart, das wohl auch sich in diesem Thema bewegen wird:


Die Fotovoltaikeinkaufsgemeinschaft läd ein zum Open Space

„Sonnenenergie für alle“
Veranstaltung am 6.Mai 2011 ab 15:30
im Hunyadischloss, Grillparzersaal
2344 Ma. Enzersdorf, Schlossplatz 6 

  • 15:30 gemütliches Ankommen bei Kaffee im Hunyadischloss
  • Begrüßung durch die Bgmin Traude Obner und VizeBgm Horst Kies
  • 16 00 Impulsvortrag „ Peak Oil“ von Volker Plass, Obmann der GRÜNEN Wirtschaft,
  • 17 00 OPEN SPACE Sonnenenergie mit Diskussion und Information – zu Fotovoltaik, Solarenergie, Solararchitektur …
  • 18 30 Film-Vorführung „Die 4. Revolution“ von Hermann Scheer
  • 20 00 Kabarett „Wurscht und Wichtig“ von Bauernfeind und Linhart

Unkostenersatz für Kabarett 10 Euro bzw. 8 Euro (für Solar- oder PV-anlagenbesitzerInnen, bitte Foto mitbringen!)

Anmelden und Karten unter Reservierung Kabarett Karten

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Mar 28 / 1:50am

Zur Quantifizierung

Nicht jeder Blogpost muss eine im Internetjargon "Wall of Text" sein.
In diesem Sinne:

"Man muss messen, was messbar ist, und was noch nicht messbar ist,
messbar machen“ (Galileo Galilei)

"Was nicht passt, wird passend gemacht" (Deutsches Sprichwort)

"Und was nicht passend gemacht werden kann, wird geleugnet" (Martin Leyrer)

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Mar 24 / 1:59pm

Der Atomkraftdiskurs der Unfehlbarkeit

Die tragischen Ereignisse rund um Fukushima 1 haben auch in der Medienwelt die Beiträge rund um Atomkraft erneut aufgeheizt. Damit habe auch ich in letzter Zeit wieder einige Artikel darüber gelesen. Hier möchte ich eine auffällige Struktur reflektieren, die sich schon seit meiner Kindheit durchzieht: die Darstellung der prinzipiellen Unfehlbarkeit seitens der Atomkraftbefürworter.

Ich war 9 Jahre alt, als ich nicht draußen spielen durfte, weil "eine gifte Wolke vom Osten kommt". So hatten es mir meine Eltern erklärt. Das Gespräch habe ich nicht gut in Erinnerung, weil mich das sehr aus Fassung gebracht hatte. Im Laufe der Jahre wurden mir durch die Öffentlichkeit auch mehr Zwischentöne zu diesem Vorfall beigebracht. Österreich hatte mit der Volksabstimmung ja schon 8 Jahre vorher mit noch äußerst knapper Mehrheit (50,47%) dagegen ausgesprochen. Bald bildete die gemeinschaftliche Ablehnung der Atomkraft schon einen Fixpunkt des Nationalbewusstseins Österreich. Mit diesem Artikel renne ich in Österreich daher eher offene Türen ein, aber dennoch. Die STS-Theoretikerin Sheila Jasanoff nennt diese Verbundenheit von nationalem Selbstverständnis mit einer gewissen Haltung zu einer Technologie "Sociotechnical Imaginary". Das Beispiel in der Publikation, in der sie das Konzept verstellt, "Containing the Atom", ist übrigens auch die Nukleartechnologie in ziviler und militärischer Nutzung.

Der dominante Tonfall in den zweieinhalb Jahrzehnten nach Tschernobyl war zwischen den Zeilen, "das waren halt Russen". Deren Technologie sagt man ja insgesamt einen "rustikalen Flair" zu. Typischerweise ist diese Aussage gefolgt mit "In westlichen Reaktoren passiert so etwas nicht. Die sind sicher." Gleichzeitig wurde in Zeiten des Kalten Krieges auch noch hinzugefügt, "typisch UdSSR, hat wiedermal zuerst versucht das total zu vertuschen". Wie ein paar Jahre zuvor die partielle Kernschmelze in Three Mile Island (USA) als nicht mehr zu kommentierendes "Oops" akzeptiert wurde, verstehe ich nicht ganz, da hätte ich wohl etwas früher geboren sein müssen. Auch sind im Laufe der Jahre auch einige Unfälle in westlichen AKWs aufgetaucht, wo klar wurde, dass zuerst versucht wurde, sie zu vertuschen. Auch ich hier nehme ich wieder einen Beispiel aus der STS-Literatur: Brian Wynne untersuchte schottische Schäfer in ihren Umgang mit Ratschlägen der Wissenschaft, wie mit Schafen in Hinsicht der Tschernobylverseuchung umzugehen ist - "Public Understanding of Science". Im schottischen Nuklearkomplex Sellafield ist nämlich bei einem Brand einiges an Radioaktivität freigeworden. Das wurde zunächst vertuscht und die Strahlenbelastung wurde Tschernobyl in die Schuhe geschoben.

Dieser "Tschernobyl war halt russisch"-Unterton findet man z.B. auch gerade jetzt noch in den berüchtigten Artikel "Why I am not worried about Japan’s nuclear reactors" von Dr. Josef Oehmen , der ein Tag nach dem Tsunami noch durch das Social Web weitergereicht wurde, als von Fukushima nur erste Schwierigkeiten bekannt wurden:

This was never a risk at Fukushima. The problem of hydrogen-oxygen formation is one of the biggies when you design a power plant (if you are not Soviet, that is), so the reactor is build and operated in a way it cannot happen inside the containment.

Mein Link auf Oehmens Artikel geht übrigens nicht auf den originalen Blogpost, oder einer der vielen Pro-Atomkraft-Seiten, die relativ schnell Kopien davon online stellten, sondern auf ein Pro-Erneuerbare-Energien-Seite. Erstere haben nämlich bezeichnender Weise entsprechenden Artikel im Original verschwinden lassen oder erheblich editiert. Man hätte ihn ja auch als Mahnmal technokratischer Arroganz so stehen lassen können. Mein Kommentar auf einer dieser Seiten, das fragte, wo den der Originalartikel von Oehmen geblieben ist, ist auch sehr rasch wieder verschwunden. Dieser Umgang weißt auf ein größeres Muster hin. Fehler und Fehleinschätzungen werden Nuklearbereich im Nachhinein, soweit es geht, zum Verschwinden gebracht. Selbst wenn Oehmen ja nicht einmal Nuklearspezialist war, sondern der Brief angeblich zuerst nur an seine Familie gerichtet gewesen sein soll. Die meisten Social Medie BenutzerInnen, die das "viral" weitergeleitet haben, hatten die Quelle nicht für weiteres prüfungswert erachtet, wie Axel Maireder, Kollege der Internetforschungsgruppe, in einem Standard Artikel argumentiert.

Ausschlaggebend für mich, über den Atomkraft-Diskurs der Unfehlbarkeit zu schreiben, war folgender Artikel vom ORF: "Wie ein Atomreaktor funktioniert":

Salletmeier zeigte sich aber auch überzeugt, dass eine Katastrophe wie in Fukushima I in modernen Reaktoren nicht passieren könnte: In einem derzeit in Bau befindlichen Druckwasserreaktor in Finnland werde etwa unter dem Kern eine Keramikwanne angebracht

Hier sieht man wieder in aller Deutlichkeit von der Pro-Atomkraft-Ideologie wieder versucht wird, diese Aura der Unfehlbarkeit moderner Reaktoren erneut aufzubauen. Fukushima 1 hat ja die bisherige Lanze "Tschernobyl waren halt wahnsinnige Russen" gebrochen. (Zwischendurch mal ein Sorry an russische Landsleute, mir ist klar wie vorurteilsbehaftet diese Aussagen sind, ich spreche nur einmal deutlich aus, was sonst Hintergrundstimmung wohl da war.) Nun wird wieder versucht eine neue Lanze aufzubauen. "Mit Druckwasserreaktoren wäre das nicht passiert". "Mit einer Keramikwanne wäre das nicht passiert", etc. Ob ersteres stimmt, kann ich nicht beurteilen, aber das jeweils passierte, ist war aber ja auch nur eine Möglichkeit unter vielen. Auch sind die Hälfte aller ("westlichen") AKWs auch Siedewasserreaktoren ([1], [2]). Und die Keramikwanne (a.k.a. "Core-Catcher") die als neue Lanze der Unfehlbarkeit immer wieder erwähnt wird. Erstens haben nur zwei Reaktoren weltweit so etwas und bei den Geschehnissen in Fukushima, wo Radioaktivität gasförmig und durch das aktivierte, provisorische Meereskühlwasser entwichen ist, hätte diese auch gar nichts genützt.

Die Imagination der Unfehlbarkeit ist wesentlich für die Akzeptanz der Atomkraft. Gravierende Fehler müssen also entweder vertuscht oder entkräftet werden, z.B. "russische Technologie". Und das ist jetzt Spekulation, aber ich vermute, im Nachhinein wird TEPCO wahrscheinlich der Geldgier beschuldigt werden, das würde gut in Vorurteile passen und so diese Katastrophe wäre der sonstigen Unfehlbarkeit wieder ausgeklammert.

Jegliche Technologie ist aber fehlbar. Und in sonst allen anderen Bereichen finden wir uns ja auch damit ab. Das Flugzeug ist so ein Beispiel. Die TechnikerInnen versichern uns "wir tun unser möglichstes jeden Flug so sicher wie möglich zu machen". Ist ja auch bekannt, dass statistisch Fliegen ja viel sicherer als Autofahren oder über die Straße gehen ist. Aber manchmal passiert trotzdem etwas. Das ist tragisch, aber es stellt niemand das Flugzeug an sich in Frage, noch versucht die Flugindustrie uns weiszumachen, das dieses oder jenes mit modernen Flugzeugen nicht passiert wäre. Schaltet sich die Schubumkehr in der Luft an, ist es dumm gelaufen. Und klar werden auch Maßnahmen getroffen, dass es nicht wieder passiert, aber es braucht keine "bei deutschen/französischen/amerikanische/etc. Flugzeugen wäre das nie passiert"-Rhetorik. Holland zum Beispiel, ringt ja schon je her mit dem Meer. Die Gefahr der Überschwemmung gehört schon fast zur Kultur. Wie die Geschichte von Hans Brinker, in der ein Junge den Damm mit einem Finger vom Kollaps bewahrte. Heute sind es die Deltawerke, die verhindern sollen, dass Meerwasser durch den Rhein eindringt, sind das sicherste System seit jeher, Schätzungen sind aber trotzdem "bricht ca. alle 400 Jahre", und nicht Rhetorik von vollkommener Sicherheit.

Neben der Abfallproblematik, die ein eigenes Thema für sich ist, wäre die gleiche Ehrlichkeit im Atomkraftdiskurs von Nöten. "Wir tun unser aller bestes, es sicher wie möglich zu machen. Aber manchmal, wenn auch alle Jahrzehnte passiert eine partielle Kernschmelze. Es sind auch nur Menschen am Werk. Manchmal geht es mit einem blauen Auge aus (Three Mile Island), manchmal aber auch schlimmer. Dumm gelaufen! Gewöhnt euch daran!". Aus der Illusion der Unfehlbarkeit befreit, können wir uns dann fragen, wollen wir mit diesen Folgen leben oder nicht. Mag ja sein, dass statistisch mehr Leute bei der Selbstmontage ihrer Solaranlage vom Dach fallen, als Personen die nachweisbar durch Strahlung frühzeitig starben. Dennoch stehen beim zweiten potentiell viele Leben auf einmal auf dem Spiel, mit Folgewirkungen für sehr lange Zeiten. Möglicherweise ist das auch soziale Überlebensinstinkt, dass ein Absturz vom Dach die Gemeinschaft an sich nicht gefährdet, Verstrahlung aber die ganze Gemeinschaft gefährdet. Es bleibt ja auch die Möglichkeit die Solarzellen von entsprechenden Profis montieren zu lassen.

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Mar 2 / 6:21am

Wie mein Smartphone mein Leben (nicht) verändert hat.

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Jetzt ist es ein halbes Jahr her, dass ich mir nun auch Smartphone (HTC Desire / Android) zugelegt habe. Davor hatte ich immer nur eins, das im Grunde nur telefonieren konnte. Mehr brauchte es nicht können. Nur möglichst klein sollte es sein. Hier möchte ich kurz reflektieren, was diese 450€-Investition verändert und nicht verändert hat.

Twitter: Warum hatte ich es damals eigentlich gekauft? In meiner Nicht-so-Smartphone-Zeit war ich immer wieder bei Veranstaltungen der Wiener "Digi-In-Szene" oder "digitale Advantgarde", wie sich wahrscheinlich selbst sehen will, und Twitter auch an einem Hypehöhepunkt war. Während alle da mit ihren schicken Teilchen twitterten, habe ich das Notebook auspacken müssen, um auch zu sehen, was da am Hashtagstream so abläuft. Mit dem Notebook am Schoß habe ich mich immer wie ein Dinosaurier gefühlt. Mit "Hypehöhepunkt" will ich jetzt kein Urteil über Twitters langfristiges Werden sprechen, aber sagen wir so; bei mir, und auch einigen mit den ich gesprochen habe, ist da schon etwas Ernüchterung/Realismus eingetreten in Bezug auf was es für den Alltag kann oder nicht kann. Bezüglich der Wissenschaften hatte ich vor zwei Jahren ja schon an den Steckbrief mitgeschrieben http://epub.oeaw.ac.at/?arp=0x002530f8 . Heute twittere ich nur gelegentlich und bei Events schaue ich dann hinein, wenn mich das, was vorne passiert, gerade weniger interessiert. Bei einer Veranstaltung, die besonders digi-in-szenig war, wo praktisch alle im Raum mit gesenktem Kopf in ihr Phönchen gesehen und getippt haben, hatte ich schon das unbehagliche Gefühl: soll das die Vision sein? Mobiles Twittern als der ursprünliche Kaufgrund hat sich kaum bewahrheitet.

Maps: Auf einem ganz anderen Gebiet hingegen hat mein Smartphone wesentliche Veränderungen des Alltags gebracht. Wollte ich zuvor zu einem Ort, den ich nicht schon gut kannte, hatte ich mich immer gut vorbereitet. Zuerst gehört die Adresse selbstverständlich genau aufgeschrieben. Am PC suchte ich den Zielort auf http://www.wien.gv.at/stadtplan/ und druckte die Umgebungskarte aus (OpenStreetMaps kannte ich noch nicht, bzw. bekannte Lösungsmuster werden bevorzugt) und plante die Fahrtroute. Ohne genügende Vorbereitung konnte es ja leicht passieren, dass man im Nirgendwo steht, keine Ahnung hat und notfalls es einfach sein lassen musste. Mit mobilen Google Maps (oder MapDroyd im Ausland ) sieht die Sache ganz anders aus. Zuerst schreibe ich mir die Adresse gar nicht mehr auf! Wenn ich sie unterwegs vergesse, sehe ich einfach mobil auf der entsprechenden Homepage nochmals nach. Kenne ich die Gegend gar nicht, ist das Höchstmaß an Vorbereitung nachzusehen, welche U-Bahn in der Nähe ist. Auf der U-Bahnstation, mache ich dann die typische Google-Maps-Choreographie, die ziemlich dumm aussehen muss. Auf einem Platz stehend, schaue ich in die Smartphonekiste und drehe mich so lange im Kreis, bis Pfeil (Kompass) und Linie (Route) sich decken und marschiere los - nur hoffentlich nicht in ein fahrendes Auto hinein.

Foursquare: Wie Foursquare bekannt geworden ist, hatte ich kein Smartphone und hat mich einfach daher nicht berührt. Trotz der Möglichkeit jetzt, ich verstehe es immer noch nicht. Auch wundert es mich immer wieder, wie selbstverständlich es viele für unangebracht halten, seine Freunde mit Farmvillle und Co. zu zu müllen. Aber Foursquare als Spiel, das ist was anderes? Mich interessiert jedenfalls nicht, wer da welche Badge bekommen hat und von was "Bürgermeister/in" ist oder nicht.

Email: Mobil in das Emailkonto hinein zu sehen, das kommt schon häufiger vor als Twitter. Aber wer braucht das schon? Hat schon etwas von Onlinesucht. In den ersten Wochen hatte ich vor lauter Begeisterung für das neue Spielzeug das deutlich übertrieben. Hab mir zumindest eingebildet, ich werde auch tatsächlich kurzsichtiger durch das Teil. Jedenfalls hab ich jetzt die Schriften alle größer gestellt, halte wesentlich mehr Abstand vom Gesicht, und schaue ins mobile Email eigentlich nur, wenn ich auf eine bestimme Antwort warte.

Kalender: Das ist der andere Bereich, der sich deutlich verändert hat. Zu den Zeiten der PDAs hab ich mich immer gegen elektronische Kalender gewehrt. Denen hab ich nie vertraut, dass sie nicht ihre Daten verlieren. Elektronen sind flüchtig, Papierkalender löschen sich nicht weniger leicht. Jetzt ist mein Kalender irgendwo in der berüchtigten (Google-)Cloud. Gut, im Hinblick auf die verschwunden Gmail-Emails, die in den letzten Tagen Schlagzeilen gemacht haben, ist das Vertrauen vielleicht etwas zu leichtfertig. Aber ich halte es immer noch für sicherer, als nur auf meinen PC und Mobilgerät eine Kopie zu haben. Das Androidphone ergänzt sich da wunderbar um z.B. beim Arzt schnell einen Termin in den Onlinekalender hinzuzufügen. Wie weit mich der Konzern da ausspioniert, sagen mir mal, Bequemlichkeit geht da wieder vor. Ich würde mir nur sehnlichst wünschen, Google würde eine Versionsgeschichte von Kalendern speichern, wenn ein Termin unabsichlich gelöscht/verschoben ist, ist er weg!

Spiele: Eigentlich ist es merkwürdig. Wie vor etwas mehr als 10 Jahren die ersten Nokias mit mehrzeiligen Displays herausgekommen sind. War das "Snake" das mitbekommen ist, das In-Phänomen schlecht hin. Das war einfach cool. Die neueren Modelle wurden zumindest in meiner Peergroup auch daran gemessen, welche Spiele da mitkommen. Aber trotz großem Display und Google Marketpöace und auch einige Probierlust meinerseits, bei mir will das fürs HTC Desire einfach nicht greifen. Ich weiß nicht warum. Vielleicht liegt es auch an mir. Vielleicht aber auch, dass weder Touchdisplay, noch Trackball, noch Lagesensor bezüglich Haptik für Spiele mit dem guten alten Tastenfeld mithalten können. Oder, wenn man sich schon mal amüsieren will, das Onlinegeschehen dann doch wieder interessanter ist.

Taschenlampe: Manche Anwendungen kamen ganz überraschend. Das HTC kann nämlich das Blitzlicht von der Kamera auch auf Dauerleuchten stellen. Und das ist ganz schön hell. Auf den Fußweg bei mir daheim, wenn keine Busse mehr fahren, gibt es eine Abkürzung am Feld entlang. Im Dunkeln muss man wenn schon mutig ohne Sicht dahin stapfen. Mit dem Taschenlampenphone braucht es jedenfalls deutlich weniger Mut, bzw. Adrenalin wenn eine andere dunkle Figur vorbei stapft.

Kosten: Banal am Schluss: im Zuge des neuen Handys habe ich auch den Anbieter gewechselt. Von Telering (Günta! und Free Willi) zu A1 (Bob). Fürs Notebook hatte ich mir nämlich zuvor mobiles Internet per Stick zugelegt. Und genau das brauch ich Dank "Tethering" des Androidphones nicht mehr. Per WLan kann so das Notebook die Internetverbindung des Handys einfach mit benutzen. In Summe zahle ich jetzt so ~5€ im Monat wo ich vorher für beides ~30€ gezahlt hatte. Also in zwei Jahren ist der Kaufpreis wieder drinnen.

Ich möchte es nicht missen. Bereue auch meine Wahl keine Sekunde. In diesem Sinne auch Danke an die ExpertInnen die mich diesbezüglich beraten hatten! Die Effekte sind aber teilweise ganz andere als die erwarteten. Es ist auch interessant wie z.B. "klein" nicht mehr das Kriterium ist, wie es noch in der Vorgängergeneration war. Und es ist witzig, dass mit einer 1Ghz-CPU es leistungsfähiger ist, als noch mein letzter PC, und weit über die Rechenkapazität liegt, die alle Apollo-Missionen zusammen benötigten. Was ich mir wünschen würde, wäre eine elektrisch verformbare Oberfläche, wo auch das Tastengefühl wieder eingeblendet werden kann.

(Lizens für Bild vom HTC Desire, CC-BY-NC-ND: www.flickr.com/photos/nevon/4497554090/ )

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Feb 9 / 4:04am

Open Data. Wie Technologie, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft sich wechselseitig bedingen: ein Beitrag zur Blogparade von TwentyTwenty

Dieser Beitrag ist der TwentyTwenty-Blogparade zu Open Data gewidmet. Zu diesem Anlass möchte ich hier skizzieren, warum ich das Thema, Open (Government) Data, aus sozialwissenschaftlicher Sicht spannend finde. Schließlich möchte ich mit diesem Beitrag mir einfach ein Platz für das Event sichern :-).

Open Government Data ist ein hoch aktuelles Geschehen, wo technische Gestaltung mit der Gestaltung gesellschaftlichen Lebens eng verbunden ist. Technologie bezieht sich hier auf das Internet bzw. das "Web of Data" . Applikationen, die der BürgerIn das Wissen dieser quantitativen Daten vermitteln kann, sind noch im Entstehen. Hier ist schon auch ein Faden, wie diese mit Politik verwoben sind: Um diese Applikationen herzustellen und zeigen zu können, sind entsprechende Daten von Nöten. Um Politik und Verwaltung zu überzeugen, dass der Aufwand gerechtfertigt ist, diese Daten in einem geeignet Format online zu stellen, sollte die Applikation bereits existieren. Diese Verschränkung kann nicht anders, als über Erwartungen, Versprechungen und sprachlich geteilte Zukunftskonstruktionen überwunden werden. Diese gipfelt in der Suche nach der sogenannten "Killerapplikation", die umfassende Überzeugungskraft bieten kann.

Was meine ich mit Wissen für die BürgerIn? Im akademischen Bereich der Informatik wird oft viel Wert gelegt auf den Unterschied zwischen Daten, Informationen und Wissen. Wissen bezieht sich hier als Grundlage, aufgrund derer Entscheidungen getroffen werden. Diese können alltäglich oder weitreichend sein. Zum Beispiel ubahnaufzug.at. Bin ich aus einem der verschieden möglichen Gründen nicht in der Lage, Stiegen zu steigen, hilft diese Webseite, sich für eine andere Fahrtroute zu entscheiden.

Über konkrete Anwendungen und konkreten Datensätzen hinausgehend, sind an Open Data Hoffnungen verbunden, ein Wechsel der 'Datenkultur' an sich zu erreichen. So besteht im angelsächischen Raum die Tendenz, dass alle Verwaltungsdaten grundsätzlich mögichst offen zugänglich sind, ausgenommen jene, für die besondere Interessen zu schützen sind, wie Sicherheit oder persönlich Privatsphäre. In Österreich geht die Richtung dahin, dass alle Verwaltungsdaten grundsätzlich geschützt sind und dem Staat gehören, ausgenommen die, für die ein öffentlicher Zugang beschlossen wurde.

Einen weiteren interessanten Punkt von Open Data bezeichne ich als "Veralltäglichung von Wissenschaft". Die Entwicklung von Applikationen wie Open3 Datenlandkarten zeigt das Bestreben, die Verarbeitung von Daten allgemeiner zugänglich zu machen. Ebenso sollen Visualisierungen von Daten diese leichter erfassbar machen, und diese somit möglicherweise auch Entscheidungen verändern.

Warum bezeichne ich das als Wissenschaft? Ich beziehe mich auf meine Erfahrungen in meinem Studium. Wir hatten einen Schwerpunkt "Europa". Und wie es in einem sozialwissenschaftlichen Studium so üblich ist, war ein Haufen von Seminararbeiten zu schreiben. Das Thema Europa hatte den Vorteil, dass eine Menge von Daten bezüglich der EU vom EU-Webserver frei als CVS-Dateien zur Verfügung stehen (Comma Separated Values, mit Beichstrich getrennte Zahlenreihen). Vergleichbare Daten bezüglich Österreich wären wesentlich aufwendiger zu erhalten gewesen. Für Seminararbeiten zum Thema EU war es daher üblich diese CSV-Daten zu nehmen, in z.B. SPS, R oder einfach Excel zu importieren und je nachdem eine Korrelation zu testen, oder einfach nur die sonst theoretische Arbeit mit einer Grafik aufzupeppen. Für eine Seminararbeit für Daten der Statistik Austria zu bezahlen, wäre kaum gerechtfertigt gewesen.

Ein weiteres Beispiel für diese "Veralltäglichung von Wissenschaft" stammt zwar nicht aus dem Bereich Open Data oder Semantic Web, sondern von der herkömmlichen Volltextsuche: Google. Mit Ngram können Trends von Begriffen in Büchern leicht visualisiert werden. Noch wenige Jahr her, habe ich selbst so etwas mit dem Begriff "Hypertext" in Titeln für Büchern mit herkömmlicher Suchabfragen am (Social) Science Citation Index gemacht:

Hypertext_asci


So ein Diagramm war eine zähe Arbeit und zählte als Ergebnis von (studentisch) wissenschaftlicher Arbeit. Jetzt ist ein besseres Diagramm innerhalb von Sekunden erstellbar. Der Datenkorpus ist nicht der gleiche, die Grundaussage: Höhepunkt war um 2000, aber gleich.

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Aug 23 / 7:05am

Kommentar zu "What Exactly Is a Doctorate"

Der Link zu dieser Illustration wurde mir im 'Social Web' mehrmals herausgestellt. Mir stellt sich die Frage, warum hat gerade das jetzt so viele Leute bewegt das zu Retweeten bzw. zu 'Facebooken'? Ich bin ehrlich gesagt nicht sooo begeistert davon, da es Wissen als absolut darstellt:

Der Blogpost von Matt Might

Zunächst ist es interessant auch die Kommentare unter dem Originalbeitrag zu lesen (Wie viele aus dem 'Social Web' haben das gemacht?). Ein paar davon Treffen gute Kritik, wobei ein guter Teil wie sonst auch oft 'Internetspam' ist. Im zurzeit zeitlichen letzten Kommentar fasst 'The Lab' diese Kommentare zusammen:

In case you were considering wasting your afternoon reading these comments like I did, they can be summed up as:
1) Jokes about how the graphic looks like a pimple (or boob).
2) Jokes about what PhD stands for.
3) Arguments refuting the idea that you have to advance human knowledge to get a PhD.
4) People who think PhDs are no smarter / actually less intelligent than non-PhDs.
If you are considering writing one of these posts, rest easy knowing it has already been covered.

Ich denke, ich habe mehr zu sagen, als diese vier Punkte, daher der Blogpost.

Der Kreis in der Illustration ist selbst mehr als einfach hinzunehmen. 'Der Kreis des Wissens' ist eine Jahrtausend alte Idee des Westens. So zeigt z.B. Reiner Heidrich in "Vom Kreis des Wissens zum Netz des Wissens" (Universitas 1998/53. März) wie die Idee des Kreises des Wissens schon alte Lexika beeinflusste, die die Kategorien des Wissens in einem Kreis anordneten. Der Kreis ist schön, der Kreis ist geschlossen. Und wie in der Illustration hier wandert er höchstens nach außen, wird größer, aber ändert seine Form nicht. Wikipedia ist heute alles andere als ein Kreis.

Was ist nun die Beule die ein Ph.D. macht oder machen soll? Eine Zunahme an objektiviertem Wissen. Wobei das wahr per Definition eines Ph.D. so ist, ist nicht jedes Dissertation eine Wissenszunahme und nicht jede Wissenszunahme eine Dissertation. Das leuchtet ja leicht ein, dass die meisten Erfolge in der Wissenschaft aus dem Leben nach dem Ph.D. stammen (Post-Doc). Es gibt zwar einige Arbeiten wie z.B. die vom Nash (a.k.a. im Film "a Beatiful Mind") die an sich etwas verändert haben. Karl Marx Dissertation war aber z.B. die "Differenz der demokritischen und epikureischen  Naturphilosophie" - für das kennen wir ihn heute nicht, sondern für spätere Werke. Die meisten sind das, wie es 'Josef-K' bei der Illustration erläutert:

This is a common view of the Ph.D., but it misses the point. Ph.D. training is just that, training. The point of these few years of graduate school is not the size of the contribution to human knowledge the dissertation makes, but rather that people use this time and place to gain skills (writing, research, practical) and knowledge they will need to shape a larger career. 

I think it's kinda sad to push this view on students because it is demotivating and demeaning, as is evidenced by the flood of anti-intellectual comments that followed. (Sorry Matt.)

Training. Der Weg ist das Ziel. Eine Dissertation ist auch, das Wissenschaftssystem kennen zu lernen, zu verstehen  wie die 'science community' tickt. Zu lernen, sich darin zu bewegen und auch zu behaupten.

Zur 'Wissensbeule' im 'Kreis des Wissens' frage ich mich, was 'Wissen' überhaupt ist. Matt Might ist "Professor of Computer Science at the University of Utah". In den Technikwissenschaften wird unter Wissen meist eine Zunahme von Machbarkeit und Beherrschbarkeit verstanden. Ich komme ja im meiner Arbeit mit Informatik viel in Berührung, da ist es interessant, wie hier die Ph.D-Würdigkeit verstanden wird. Gerade in den Technikwissenschaften lässt sich fragen, wo der Unterschied ist zu den Lösungen die regelmäßig in Firmen erarbeitet werden. Dies sind auch doch zuletzt alles "Wissensbeulen". Da hörte ich z.B. schon, der Unterschied sei, ein(e) Dr.(in) ist eine Lösung auf die ein "normaler" Softwareentwickler(in) nicht gekommen sei. Ist nicht so mancher Tweet gelegentlich auch nicht vorher so nicht dagewesen? Aber keinesfalls ist dieses 'Buckelchen' ein Ph.D!

Das Thema Training erläutert 'That Guy' noch mit Michael Polyanis Bezeichnung 'tacit knowledge':

It would be interesting to see this representation cover the difference between tacit and explicit human knowledge.

Ein Ph.D. erlangen bedeutet auch sich implizites Wissen über die Wissenschaften zu erarbeiten. Oben schrieb ich von der Definition eines Ph.D.s. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wo z.B. die Universität Wien das definiert, und zweitens frage ich mich, ob diese Definition mir überhaupt weiterhelfen würde. Welche "Buckel" Ph.D. würdig sind, und welche nicht, ist auch eine Form von 'tacit knowledge'. Nicht um sonst hält sich das sonst handwerkliche Meister(in)<->Lehrlings-Prinzip nachwievor in den Wissenschaften - hier nur Doktorvater/Doktormutter genannt. Implizites Wissen kann in zweier Beziehungen weitaus besser weitergegeben werden kann, als in Kursen.

Jede Publikation, inklusive Ph.D. hat immer auch eine politische Dimension. Will man in der Analogie des Kreises bleiben, zumindest  in die Richtung, in die er ausgedehnt wird. Aber gerade als Sozialwissenschaftler geht es auch mehr als um Machbarkeit und Beherrschbarkeit. Ich frage ich mich stets "Wem will ich was damit sagen?" und idealerweise auch "Warum will ich das?" Das 'Publikationsspiel' - Hauptsache n+1 - Hauptsache nur wieder eine mehr für die Liste - für die Karriere - dieser Einstellung kann ich gar nichts abgewinnen. Rückblickend sollte man über sein Wirken auch mehr sagen können, als n = Eine Zahl. Für eine Dissertation ist da eine Dimension verständlich, Wer? Antwort: die Kommission. Was? Antwort: "Gebt mir doch den Titel". Aber für das alleine quält man sich nicht durch. Sie sollte schon mehr sein und zu ein, zwei anderen Communities auch noch etwas sagen. Wobei ich mir beim Nachdenken schon folgender Illusion hingebe: angenommen ich träfe ein Alien, ohne das sonst implizit geteilte soziale Wissen und er/sie/es würde mich fragen, wie funktioniert das oder das bei den Menschen, wie würde ich ihm/ihr/es das erklären? Nur so eine Erklärung muss so nicht publiziert werden.

Herausgreifen möchte ich noch diese Grafik aus den Kommentaren, die die Vereinfachung der vorigen schön herausstreicht. Im Angelsächsisch Raum ist es ja durchaus möglich, den Master nicht im gleichen Gebiet wie den Bachelor zu absolvieren. Etwas, das wir natürlich im deutschsprachigen wiedermal nicht kopiert haben (Ich bin da z.B. vor verschlossenen Türen gestanden). Aber wie sieht denn dann 'der Kreis' aus? So?

340x

Und was ist mit Ph.D, die den 'inneren Kreis' berühren? Verändern? Wie sollten diese visualisiert werden? Auch der blaue und grüne Kreis sind ja nicht unveränderlich, obwohl diese Darstellung es ja nahe legt.

Zur Ursprungsfrage, warum das wohl so viele Leute veranlasst hat das weiterzuleiten? Von den Kommentaren beim Artikel denke ich, da die Grafik verschiedene 'Positionen' gleichzeitig anspricht. Wobei nicht jedem/jeder wohl bewusst ist, das andere vielleicht anderes drin sehen. Sie propagiert eine alte Vision der Wissenszunahme - ein schönes Ideal. Sie relativiert aber gleichzeitig Ph.D's zu kleinen Buckeln und gleichzeitig hebt sie sie zu mehr hinaus - als *das* Instrument der Wissenszunahme, wenn es doch nur eines unter vielen ist. Es bietet ein einfaches, daher schönes Weltbild, wo es jedoch viel bei genaueren Hinsehen viel komplizierter ist.

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Jul 12 / 2:51am

Vom Hack zum Produkt in zwei Jahren: Lsyncd

Es erfüllt mich schon mit etwas Stolz: ein Softwareprojekt von mir - Lsyncd, 'the live syncing daemon' - ist unlängst in die Repositories von Debian und Ubuntu aufgenommen worden! Wie es in meiner Bio steht, bin ich nämlich immer noch Hobby-Coder, auch wenn sich hier jede Stunde wie eine kleine Sünde anfühlt, die ich auch in die Dissertation hätte investieren können. Dennoch habe ich gerade dieses Wochenende Version 1.34 herausgebracht, welche wieder einen Fehler auf einem anderem System als meines behebt.

Bevor ihr euch wundert, mit großer Wahrscheinlichkeit ist es nichts für dich liebeR LeserIn: Lsyncd hält einen lokalen Verzeichnisbaum mit einem fernen Rechner synchron. Es ist manchmal ein ganz praktisches Tool für Sysadmins und Datacenters. Ich weiß übrigens von zwei Datacenter, die es tatsächlich in größerem Stil verwenden.

Die Geschichte, die ich aber eigentlich erzählen will, ist der erlebte Unterschied, der ein "Hack" von einem "Produkt" trennt. Produkt ist dabei nicht unbedingt kommerziell zu verstehen und meint hier auch ein OpenSource-Paket. Frederick Brooks macht den Unterschied vom Hack zum Produkt in der "Softwareentwicklungsbibel" The Mythical Man Month auf. Er fragt, warum gibt es immer wieder Erzählungen von zwei Jugendlichen, die in einer Garage irgendetwas Tolles gemacht haben, wofür große Softwarefirmen Jahre brauchen? Sind die Softwarefirmen tatsächlich so blöd ..äh.. ineffizient? Seine Antwort, nein! Denn das, das die zwei Garagenhacker gemacht haben, ist eben ein Hack. Ein Programm, das meist nur auf einem Betriebssystem läuft, für eine Version, in einer Konfiguration und braucht enorme Expertise (von den beiden) in der Wartung und Anpassung. Ein gutes Softwareprodukt hingegen läuft auf verschiedenen System, in mehreren Versionen, ist leicht für verschiedene Anwendungen anpassbar, gut dokumentiert und leicht zu warten. Das hinzubekommen ist aufwendig. Wie weit es vom Garagenhack zum Produkt ist, habe ich hier selbst erlebt.

Relativ genau zwei Jahren ist es her, da habe ich selbst so eine Funktionalität, wie Lsyncd sie bietet, in meiner Arbeit gebraucht. Einen Tag lang habe ich recherchiert, um so etwas zu finden. Sollte es ja schon geben. Aber alle Lösungen, die aus dem High-Availability-Linux-Sektor stammen, waren mir zu aufwendig, zu "schwer" für meinen Bedarf. Hat den niemand einfach rekursive Linux` inotifies mit rsync verbunden? Da das ganze nicht so aufwendig zu machen ist, dachte ich mir, bevor ich noch lange suche, schreibe ich es einfach! Zwei Arbeitstage später hat es auch schon funktioniert. Kurzes Technobabble zu Funktion von Lsyncd: Linux bietet ein Interface an (inotify), das einem Program mitteilt, wenn sich etwas in einem Verzeichnis ändert. Eigentlich ist das für Dateibrowser gedacht, so dass man Änderungen sofort sieht und nicht wie bei Windows dafür auf 'Refresh' drücken muss. Das benutzt Lsyncd einfach und wenn sich etwas ändert, ruft es 'rsync' auf - ein klassisches Programm, das Verzeichnisse zwischen zwei Computer synchronisiert. Nach zwei Tagen lief es schon, aber es war eben ein Hack. Meine Konfiguration war in das Programm selbst hart kodiert, es lief nur hier und brauchte jemand der das Programm ganz versteht, um es anpassen zu können.

Nachdem ich online ja nichts finden konnte, dachte ich, mach ein Projekt auf Sourceforge auf (oder schließlich hab ich mich Google Projects entschieden), vielleicht kann es jemand anderer auch gebrauchen. Und dann ging es schon los. Auf einmal brauchte es Dokumentation: im Code und als eigene Dateien. Das Programm sollte auch mit Parameter konfigurierbar sein und nicht dafür einen C-Programmierer brauchen. Es sollte auch halbwegs den Standard entsprechen, wie so ein OpenSourcePaket so auszusehen hat. Vier Tage habe ich gebraucht, aus dem Zwei-Tage-Hack die erste herzeigbare Version zu machen. Um zur ersten Paket-Struktur zu gelangen, habe ich übrigens auch meinen Arbeitskollegen Jürgen Mangler zu verdanken, der mir die Grundstruktur gemacht hat. Ich kann zwar ganz gut C/C++ programmieren, aber Paketverwaltung und Shellskripts sind nicht ganz so mein Ding oder Interesse. Die Anzahl der Dateien macht wieder den Unterschied vom Hack zum Produkt deutlich. Der Hack war ein C-File, ca. 250 Zeilen. Heute hat das Lsyncd-Packet 22 Dateien. Nur eine einzige ist das Programm selbst, alles andere ist "Verpackung", was so ein OpenSourcePaket heutzutage alles braucht: automake, configure, docu, manpages, etc. Das C-Programm selbst hat jetzt auch mehr als 1000 Zeilen, wobei wieder die eigentliche Arbeit - der "Worker" - in ca. 250 Zeilen gemacht wird. Mehr als die Hälfte ist Konfigurationsdateibehandlung.

Auch wenn der Zweitagehack eigentlich schon alles konnte, was *ich* brauchte, bereue ich es keine Sekunde ein OpenSource-Projekt/Produkt daraus gemacht zu haben. Nicht nur habe ich eine handvoll gute Patches von anderen Leute bekommen, auch wurden ca. ein Duzend Bugs berichtet und ausgemerzt - man mag ja gar nicht glauben, das selbst so eine kleine Applikation schon soviele Fehler haben kann :-). Selbst von den Diskussionen auf der Maillingliste habe ich profitiert. So ist z.B. schon öfter der Wunsch an mich herangetragen worden, Lsyncd solle doch mehrere Datei-Events aggregieren. Denn bisher hat er für jede Änderung im Verzeichnissystem jedesmal 'rsync' aufgerufen. Normalerweise passieren jedoch viele Änderungen kurz hintereinander im selbem Verzeichnis, und da 'rsync' sowiso das ganze Verzeichnis synchronisiert, wäre es doch wünscheswert, Lsyncd würde ein paar Sekunden warten und dann für mehrere Sachen gleichzeitig nur einmal 'rsync' aufrufen. Ich bin immer davon ausgegangen, dass das ziemlich aufwendig zu programmieren wäre, und ich eigentlich nicht die Zeit für super-aufwendige Sachen investieren will. Einen besonders hartnäckigen User habe ich das ganz genau erklären müssen und wie ich so die Email schreibe, was denn alles zu beachten / zu machen wäre, komme ich drauf - so kompliziert ist es ja gar nicht! Ein Tag später kam Version 1.33 heraus, die das konnte. Auch ist in den zwei Jahren nicht ständig etwas passiert, jetzt ist es meist nur hier oder da mal ein Nachmittag. Monate lang hatte ich auch gar keine Zeit oder einen Kopf dafür - soweit das kurzzeitig immer wieder gefragt wurde, ob das Projekt noch "lebendig" sei. Es ist. Denn nach inzwischen mehreren Jahrzehnten Programmierhobbykarriere ist Lsyncd auch eins der ganz wenigen meiner Programme, das je jemand anderer als ich  benutzt hat und das einzige das im Jetzt jemand anderer als ich verwendet. Und schließlich bleibt das warme Gefühl im Bauch, wenn ich nach dem nächsten Upgrade Lsyncd auf die von mir verwalteten Server selbst einfach aus dem normalen Paketmanager zur Installation selektieren kann.

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Jul 2 / 4:09am

Zukunftsweb; Ein Konsens der Diskussion: das Web und seine Zukunft geht uns unter die Haut!

Gestern (1. Juli 2010) besuchte ich das Abschlussevent Zukunftsweb. Neben der Vorstellung des ZukunftsWebBuchs, dem ich ebenfalls ein Essay gewidmet habe, wurde zunehmend heißer über die Zukunft und die gegenwärtigen Implikationen und Zuschreibungen des Webs/Internets diskutiert. Und das finde ich gut. Diskussionen über Technik und Entwicklung sind gut. Ein schönes Zeichen, dass wir uns über den Technikdeterminismus hinaus entwickeln, und sie auch in der Öffentlichkeit als gestaltbar ansehen. Diese Anerkennung der Gestaltbarkeit ist ja schon länger ein Anliegen der Technik- und Wissenschaftsforschung.

Diese Debatte habe ich gestern unter einem Rahmen beobachtet, der von einer Frage Jana Herwigs (a.k.a digiom) ausging: Hat man zu den Tagen des Telefons auch Veranstaltungen über das "Zukunftstelefon" abgehalten? Dazu ist zunächst mal zu sagen, dass die Enstehungsgeschichte des Telefons das Paradebeispiel der jungen Technik-Soziologie war, an dem sie sich als eine weitere neue Bindestriche-Soziologie abarbeitete. Es gibt schon viel interessantes dazu zu sagen. Um von Gemeinsamkeit zu sprechen, auch damals hatte man sich Gedanken gemacht, wozu man es verwenden sollte und was es für die Gesellschaft bedeuten würde und welche *Scripts* in dieser Technik eingeschrieben sind und werden sollen.

Ich möchte zwei Beispiele heraus greifen, die aus heutiger Sicht schon eine gewisse Komik beinhalten. Zunächst war der Apparat von Bell schon vom Konzept sehr anders, als das was wir als Telefon bezeichnen würden. Bei ihm waren nämlich Sprech - und Höreinheit getrennt. Eine Seite konnte nur sprechen die andere nur hören. Als Anwendungsgebiet seiner Erfindung sah er Betriebe, der Vorgesetzte (aus historischer Sicht keine geschlechtsneutrale Formulierung) kann damit den Untergebenen über Entfernung Anweisungen erteilen und wieso hätte diese auch etwas zurück melden sollen? Das war in dem Gesellschaftsmodell nicht vorgesehen und wurde damit den Apparaten auch nicht eingeschrieben. Es sollte einige Jahre(!) brauchen, bis man auf die Idee kam, zwei Bell-Systeme gleichzeitig einzusetzen, so dass beide Seiten gleichzeitig sprechen, hören und damit kommunizieren konnten. Das zweite Beispiel ist die Einführung der Wählscheibe und des automatisierten relaygetriebene Wahlamtes, das den Stöpsel-*Operator* ablöste. Eine Befürchtung war, das nun das Proletariat nun ohne Hindernisse und Kontrolle Häuser der Bourgeoisie anrufen konnte. Das es trotz neuer technische Möglichkeit aufgrund sozialer Grenzziehungen nicht passieren würde, entdeckt man erst später.

Mit Blick dieses Vergleichs, sah ich die (üblichen) Befürchtungen der KritikerInnen in neuem Licht. Nämlich wieviel sie dem Web trotzdem zutrauen. Verdummung ist zwar ein mindestens 500 Jahre alter Diskurs, der schon beim Buchdruck vorlag, der das Ende der Kultur bedeuten sollte, die durch handgeschriebene Bücher getragen wird. Nicht viel anders verhält es sich bei der Einführung der Tageszeitungen zur Jahrhundertwende, dem Radio oder das Fernsehen, wo ich selbst noch miterleben durfte, wie es mich verdummen sollte. Dann waren ja auch noch die Comics, die mit ihrem Onomatopoetika für den Untergang der Sprachkultur verantwortlich gemacht worden. Neu ist hingegen der Diskurs (Befürchtung?) das Web würde unsere Hirnstruktur verändern oder unsere Emotionalität beeinflussen. Dies gipfelt in der Frage, ob wir dann noch "Menschen" wären! Das ist schon beeindruckend, denn das hat man dem Telefon niemals zugesprochen, dass unser Menschsein beeinflussen könnte. Das geht tiefer als das schlichte Ende der Kultur oder unerwünschte Kommunikation zwischen Gesellschaftsschichten. Sicher hat dies auch mit dem neuen Aufkommen der Neurowissenschaft und ihrem populären Einsatz zu tun, dem ich zunächst eher kritisch gegenüber stehe. Auch wurde schon in der Diskussion abgeschwächt, dass die einzige Zuschreibung auf eine einzige Technologie (Medium) typisch einschränkt, da wir ja trotzdem auch vielerlei anderem ausgesetzt sind und auch werden.

Dennoch zeigt diese Diskussion uns, welchen Stellenwert das Web schon einnimmt und das wir auch nicht damit rechnen, dass es in den kommenden 10 Jahren weniger werden wird. Ich bin froh darüber, dass es auch wenig Zeichen von Technikdeterminismus zu sehen waren. Determinismus im Sinne Fortschritt komme von selbst (gottgegeben?) und man könne ihn eh nicht aufhalten oder gestalten. Einzig in den Aufhohlszenarien schimmert er noch, wir müssen, sonst fallen wir in der globalen Konkurrenz zurück. Stattdessen hoffe ich, dass es weiter und mehr Diskussionen gibt, was *wir* wollen und uns davon erwarten. Österreich hat ja schon eine starke Tradition, technische Entwicklungen lokal zu verändern, zu gestalten und sich zu überlegen, was angenommen wird und wo man eher ablehnt.

Jetzt freue mich schon darauf, in den kommen Tagen die anderen Beiträge im ZukunftsWebBuch zu lesen.

Zukunftswebbuch

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