tl;dr? be careful, walls of texts ahead

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Axel Kittenberger  //  

Oct 6 / 3:29am

Vom Reiz des Volatilen

Gerade als 'Newcomer' fragt man sich gelegentlich: Was machen eigentlich Konferenzen?. Wissensaustausch ist wohl die offensichtliche Antwort. Muss man aber dafür wirklich vor Ort sein? Kann man zu diesem Zweck nicht auch einfach den Tagungsband lesen? Das berüchtigte 'Netzwerken' und die Sozialisation von jungen Wissenschaftlichern sind sicher zwei der Antworten dafür, warum man dennoch im 'Meatspace' sein sollte. Als eine weitere wichtige Funktion halte ich die Entstehung von etwas, das Kuhn 'Paradigma' nannte (neben dem anderen Dutzend an Bedeutungen, die das Wort allein schon in Kuhns Buch hatte, geschweige den unzähligen weiteren Bedeutungen, die es in den inflationären Rezeptionen erhielt.) Konferenzen haben in diesem Sinne oft einen Unterton, der durch die Veranstaltung hindurch schwingt: Vermutungen, Ansätze oder Vorstellungen, was, wie gefragt werden sollte. Dieser ist auch oft genug nicht durch den Titel oder Untertitel der Veranstaltung vorgegeben oder intendiert. Habe schon erlebt, dass dieser in einer guten Zusammenfassung/Rückblick am Ende erwähnt wurde, so zum Beispiel: "most presentations I've heared had the assmumption that [X], I've just not seen any evidence for it".

Ein bedeutender Anreiz dabei zu sein ist jedoch das Vergängliche. Wer nicht dabei war, der kann das auch nicht mehr nachholen. Fullpaper hin oder her. Der Vortrag ist unwiderruflich weg, sowie die Diskussionen im Panel und möglicherweise am Gang oder dem Buffet sind weg. Livestreaming und die damit verbundene Videoaufzeichnung wollen hier Abhilfe schaffen. Die Auswirkungen gestalten sich verschiedenartig. Selbst hab ich es daheim schon genossen, bei etwas als langweiliger empfundenen Teilen eines Livestreams auch offensichtlich etwas anderes tun zu können. Wie sehr die Videoaufzeichnung das Geschehen im 'Meatspace' verändert lässt sich diskutieren. Möglicherweise lässt sich der/die Vortrage nun nicht mehr zu mutigeren Mutmaßen hinreißen, da nun wieder alles Rückverfolgt werden kann. Wenn jedes Wort einer Publikation nahe kommt, verfliegt vielleicht die Funktion dieser Ereignisse in der Gruppe ungezwungen nachdenken zu können. Ich habe einmal mit einer Philosophin gesprochen, die sich sehr daran gestört hat, das einer ihre Vorträge transkripiert veröffentlicht wurde. Hätte sie es geschrieben, hätte sie sich viel diffiziler ausgedrück. Vielleicht etabliert sich aber auch eine Kultur, dass man trotz Videoaufzeichnung einen Vortragenden expost nicht jedes Wort analysieren sollte und einen im Web gespeicherten Videovortrag mit Stunde und Minute zu zitieren geht schon gar nicht. Im moment scheint sich als Kompromiss die Gepflogenheit einzubürgern Keynotes zu streamen und aufzuzeichenen, Panels hingegen im kleineren Kreis flüchtig zu halten.

Die Volatilität des Panels übt jedoch einen Druck aus, bei dessen einmaligen stattfinden auch dabei zu sein. Sie zwingt auch Gesagtes zu hören, über das man sonst hinweg gegangen wäre. In diesem Sinne erinnert es wieder an Kuhn: es schafft so eine gemeinsame Basis. Eine Geschichte von mir dazu, wie sich das mit Aufgezeichnetem verhält: letztes Jahr hab ich mich an einem Samstagmorgen spontan entschlossen in den Zug zu steigen, um zu einem kleinem Workshop nach Linz zu fahren. Der Workshop hat schon um 9:00 begonnen. Es war unmöglich dass ich das schaffte. Aber im Programm waren die zwei Vorträge, deren Titel mich am meisten interessierten sowiso am Nachmittag. Der Workshop war wirklich klein, ich frage mich, ob ich nicht der einzige Anwesende war, der nicht auch präsentierte. Bald erfuhr ich, dass sie kurzfristig das Programm geändert hatten und ein Vortrag, den ich hören wollte, schon am Vormittag war. Das hat mich richtig gefuchst. Aber der Vorteil bei einer Veranstaltung dieser Größe ist, man kommt viel leichter mit den Vortragenden ins Gespräch. Ich meine damit auch wirklich ein Gespräch, abseits von Großveranstaltungen, wo man sich dann höchstens rühmen kann, dieses oder jenes wissenschaftliches 'Starlet' die Hand geschüttelt zu haben. Jedenfalls beruhigte mich die Dame, sie habe sowieso vor ein paar Monaten einen sehr ähnlichen Vortrag auf einer anderen Veranstaltung gehalten, dieser sei im Internet zu finden. Daheim hab ich das gegoogelt, gefunden und gebookmarkt. Zum Ansehen war ich in diesem Moment sowieso viel zu müde. Aber es war ja da! Man kann sich es ja jederzeit ansehen. Ich habe es mir bis heute nicht angesehen! Ist das nicht irgendwie paradox? Damals hab ich mich bei der Heimfahrt gefragt, ob dieser Nachmittag die 60€ ÖBB-Gebühr wert war (habe keine Vorteilscard). Nun ja, ohne hätte ich diese nette Geschichte nicht erzählen können. In einem anderen Zusammenhang hab ich mal gelesen, das Bookmarking hätte ja selten die Funktion, dass man sich die Seite je wieder ansehe. Vielmehr käme es einem kleinen Sieg im Spiel "Internetsurfing" gleich; wie bei der Jagd, nur wird die Beute nicht erledigt, sondern gebookmarkt.

In einem ähnlichen Sinne führte ich unlängst im Rahmen eines Miniprojektes ein Interview mit einer Lehrenden. Sie beklagte sich, die Studenten würden sich mit den Inhalten nicht mehr intensiv genug auseinander setzten. Zum Teil sei die Lernplattform, als auch die Unterrichtsmethode schuld, da der ganzen Stoff nun in kleine Häppchen serviert würde, anstatt das man Primärtexte durchackern würde. Die Studenten vertrauen darauf, bei Bedarf das für eine Aufgabe notwendige Wissen schnell finden zu können. Da es in kleine Portionen geteilt ist, glaube man auch nur das jeweils Notwendige sich schnell aneignen zu können. Grundlage von dieser Aussage war eine Lernplattform, in der der Stoff nach bester 'Hypertext'-Ideologie aufbereitet wurde. Hat Hypertext neben den veschiedenen Träumen von Bush, Engelbart, Nelson und Berners-Lee plötzlich eine dunkle Kehrseite? Jedenfalls zeigt diese Vermutung auch, dass Seitens der Studenten ein enormes Vertrauen in die anderenorts viel diskutieren Lernplattform herrscht. Sie vertrauen darauf, das Wissen sei eh da, wenn sie benötigen. Es wird nicht als volatil angesehen, hat daher keine Reiz und man muss es sich auch nicht rechtzeitig aneignen, wenn man es erst später brauchen könne. Wobei, betrachtet man das rasche Wechseln der Plattformen allein auf der Universität Wien, mag man sich fragen, worauf dieses Vertrauen begründet.

Wer nun nicht die Zeit hatte, diesen Text zu lesen, der hat wohl einfach einen Del.icio.us Tag gemacht. Der Text ist nicht volatil. Das heißt, er wird viel unwahrscheinlicher gelesen. Dennoch, wenn man von einer Veranstaltung zur nächsten hetzt, was bei meinem privat finanzierten Budget sowieso nur begrenzt möglich ist, fühle mich teilweise wieder ans Ende meiner Pubertät zurückversetzt, wo ich irgendwann erkannte, dass man nicht bei jeder Diskonacht dabei sein muss, so wirklich was versäumt oft auch nicht. Qualität statt Quantität. Die Couch daheim kann auch etwas bieten, auch wenn diese nicht volatil ist.

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