Der Link zu dieser Illustration wurde mir im 'Social Web' mehrmals herausgestellt. Mir stellt sich die Frage, warum hat gerade das jetzt so viele Leute bewegt das zu Retweeten bzw. zu 'Facebooken'? Ich bin ehrlich gesagt nicht sooo begeistert davon, da es Wissen als absolut darstellt:
Der Blogpost von Matt Might
Zunächst ist es interessant auch die Kommentare unter dem Originalbeitrag zu lesen (Wie viele aus dem 'Social Web' haben das gemacht?). Ein paar davon Treffen gute Kritik, wobei ein guter Teil wie sonst auch oft 'Internetspam' ist. Im zurzeit zeitlichen letzten Kommentar fasst 'The Lab' diese Kommentare zusammen:
In case you were considering wasting your afternoon reading these comments like I did, they can be summed up as:
1) Jokes about how the graphic looks like a pimple (or boob).
2) Jokes about what PhD stands for.
3) Arguments refuting the idea that you have to advance human knowledge to get a PhD.
4) People who think PhDs are no smarter / actually less intelligent than non-PhDs.
If you are considering writing one of these posts, rest easy knowing it has already been covered.
Ich denke, ich habe mehr zu sagen, als diese vier Punkte, daher der Blogpost.
Der Kreis in der Illustration ist selbst mehr als einfach hinzunehmen. 'Der Kreis des Wissens' ist eine Jahrtausend alte Idee des Westens. So zeigt z.B. Reiner Heidrich in "Vom Kreis des Wissens zum Netz des Wissens" (Universitas 1998/53. März) wie die Idee des Kreises des Wissens schon alte Lexika beeinflusste, die die Kategorien des Wissens in einem Kreis anordneten. Der Kreis ist schön, der Kreis ist geschlossen. Und wie in der Illustration hier wandert er höchstens nach außen, wird größer, aber ändert seine Form nicht. Wikipedia ist heute alles andere als ein Kreis.
Was ist nun die Beule die ein Ph.D. macht oder machen soll? Eine Zunahme an objektiviertem Wissen. Wobei das wahr per Definition eines Ph.D. so ist, ist nicht jedes Dissertation eine Wissenszunahme und nicht jede Wissenszunahme eine Dissertation. Das leuchtet ja leicht ein, dass die meisten Erfolge in der Wissenschaft aus dem Leben nach dem Ph.D. stammen (Post-Doc). Es gibt zwar einige Arbeiten wie z.B. die vom Nash (a.k.a. im Film "a Beatiful Mind") die an sich etwas verändert haben. Karl Marx Dissertation war aber z.B. die "Differenz der demokritischen und epikureischen
Naturphilosophie" - für das kennen wir ihn heute nicht, sondern für spätere Werke. Die meisten sind das, wie es 'Josef-K' bei der Illustration erläutert:
This is a common view of the Ph.D., but it misses the point. Ph.D. training is just that, training. The point of these few years of graduate school is not the size of the contribution to human knowledge the dissertation makes, but rather that people use this time and place to gain skills (writing, research, practical) and knowledge they will need to shape a larger career.
I think it's kinda sad to push this view on students because it is demotivating and demeaning, as is evidenced by the flood of anti-intellectual comments that followed. (Sorry Matt.)
Training. Der Weg ist das Ziel. Eine Dissertation ist auch, das Wissenschaftssystem kennen zu lernen, zu verstehen wie die 'science community' tickt. Zu lernen, sich darin zu bewegen und auch zu behaupten.
Zur 'Wissensbeule' im 'Kreis des Wissens' frage ich mich, was 'Wissen' überhaupt ist.
Matt Might ist "Professor of Computer Science at the University of Utah". In den Technikwissenschaften wird unter Wissen meist eine Zunahme von Machbarkeit und Beherrschbarkeit verstanden. Ich komme ja im meiner Arbeit mit Informatik viel in Berührung, da ist es interessant, wie hier die Ph.D-Würdigkeit verstanden wird. Gerade in den Technikwissenschaften lässt sich fragen, wo der Unterschied ist zu den Lösungen die regelmäßig in Firmen erarbeitet werden. Dies sind auch doch zuletzt alles "Wissensbeulen". Da hörte ich z.B. schon, der Unterschied sei, ein(e) Dr.(in) ist eine Lösung auf die ein "normaler" Softwareentwickler(in) nicht gekommen sei. Ist nicht so mancher Tweet gelegentlich auch nicht vorher so nicht dagewesen? Aber keinesfalls ist dieses 'Buckelchen' ein Ph.D!
Das Thema Training erläutert 'That Guy' noch mit Michael Polyanis Bezeichnung 'tacit knowledge':
It would be interesting to see this representation cover the difference between tacit and explicit human knowledge.
Ein Ph.D. erlangen bedeutet auch sich implizites Wissen über die Wissenschaften zu erarbeiten. Oben schrieb ich von der Definition eines Ph.D.s. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wo z.B. die Universität Wien das definiert, und zweitens frage ich mich, ob diese Definition mir überhaupt weiterhelfen würde. Welche "Buckel" Ph.D. würdig sind, und welche nicht, ist auch eine Form von 'tacit knowledge'. Nicht um sonst hält sich das sonst handwerkliche Meister(in)<->Lehrlings-Prinzip nachwievor in den Wissenschaften - hier nur Doktorvater/Doktormutter genannt. Implizites Wissen kann in zweier Beziehungen weitaus besser weitergegeben werden kann, als in Kursen.
Jede Publikation, inklusive Ph.D. hat immer auch eine politische Dimension. Will man in der Analogie des Kreises bleiben, zumindest in die Richtung, in die er ausgedehnt wird. Aber gerade als Sozialwissenschaftler geht es auch mehr als um Machbarkeit und Beherrschbarkeit. Ich frage ich mich stets "Wem will ich was damit sagen?" und idealerweise auch "Warum will ich das?" Das 'Publikationsspiel' - Hauptsache n+1 - Hauptsache nur wieder eine mehr für die Liste - für die Karriere - dieser Einstellung kann ich gar nichts abgewinnen. Rückblickend sollte man über sein Wirken auch mehr sagen können, als n = Eine Zahl. Für eine Dissertation ist da eine Dimension verständlich, Wer? Antwort: die Kommission. Was? Antwort: "Gebt mir doch den Titel". Aber für das alleine quält man sich nicht durch. Sie sollte schon mehr sein und zu ein, zwei anderen Communities auch noch etwas sagen. Wobei ich mir beim Nachdenken schon folgender Illusion hingebe: angenommen ich träfe ein Alien, ohne das sonst implizit geteilte soziale Wissen und er/sie/es würde mich fragen, wie funktioniert das oder das bei den Menschen, wie würde ich ihm/ihr/es das erklären? Nur so eine Erklärung muss so nicht publiziert werden.
Herausgreifen möchte ich noch diese Grafik aus den Kommentaren, die die Vereinfachung der vorigen schön herausstreicht. Im Angelsächsisch Raum ist es ja durchaus möglich, den Master nicht im gleichen Gebiet wie den Bachelor zu absolvieren. Etwas, das wir natürlich im deutschsprachigen wiedermal nicht kopiert haben (Ich bin da z.B. vor verschlossenen Türen gestanden). Aber wie sieht denn dann 'der Kreis' aus? So?
Und was ist mit Ph.D, die den 'inneren Kreis' berühren? Verändern? Wie sollten diese visualisiert werden? Auch der blaue und grüne Kreis sind ja nicht unveränderlich, obwohl diese Darstellung es ja nahe legt.
Zur Ursprungsfrage, warum das wohl so viele Leute veranlasst hat das weiterzuleiten? Von den Kommentaren beim Artikel denke ich, da die Grafik verschiedene 'Positionen' gleichzeitig anspricht. Wobei nicht jedem/jeder wohl bewusst ist, das andere vielleicht anderes drin sehen. Sie propagiert eine alte Vision der Wissenszunahme - ein schönes Ideal. Sie relativiert aber gleichzeitig Ph.D's zu kleinen Buckeln und gleichzeitig hebt sie sie zu mehr hinaus - als *das* Instrument der Wissenszunahme, wenn es doch nur eines unter vielen ist. Es bietet ein einfaches, daher schönes Weltbild, wo es jedoch viel bei genaueren Hinsehen viel komplizierter ist.