Doodle: Terminfindung ganz einfach! Oder doch nicht? Doodle.com ist inzwischen schon bald jedem ein Begriff. Meist lernt man Doodle kennen, indem man gebeten wird, bei einer Terminfindung auf doodle mitzumachen. Daher ist es eine Plattform die sich so auch gut ausbreiten kann. Aber wenn alles so schön und einfach ist, wieso bin ich heute gegen Doodle?
Ich hab schon gedoodlet, da gab es Doodle noch gar nicht, bzw. war maximal ein paar Wochen oder Monate alt. Jedenfalls, kaum jemand kannte es damals. Ende 2003, gerade mit meinem Sozioökonomiestudium angefangen und die ersten Prüfungen abgelegt, war mein Kopf noch voll von "PFO" (Personal, Führung, Organisation). Für eine Gruppe von ca. 15 Personen galt es, einen Termin für einen gemeinsamen Abend zu finden. Die Idee, sich zu treffen, wurde per Email verteilt, gleich gemeinsam mit einem Datum. Dieser Tag kam nicht nur mir sehr ungelegen, habe auch an den Antworten der anderen gesehen, das die Mehrzahl das gleiche Problem hatte. Aber anstatt einen alternativen Termin vorzuschlagen oder auszuhandeln, hatte ich die "brilliante" Idee, ganz nach PFO-Manier, das zu systematisieren. Ich schickte eine Email aus, mit einer leeren Tabelle aller Wochentage der kommenden drei Wochen und der Bitte jeder möge doch ein 'X' an den Tagen eintragen, wo er Zeit hat, und mir die Email zurück schicken. Ich bildete dann die Spaltensummen und ein Termin ward gefunden! Dummerweise fiel genau einer raus: die Person, die das Treffen ursprünglich imitiert hat und folglich dieses System heftig kritisierte. Trotzdem wurde an den neuen Termin festgehalten, wurde er doch so wissenschaftlich gefunden. Damals hab ich die Kritik an diesem so schönen, doch so genialen, einfachen System als Unfug gehalten. Heute hegt sich bei mir noch die unterschwellige, irrationale Befürchtung, diese Aktion hat auf irgendwelche Umwege über die involvierten Personen, die diese Idee weitergetragen haben könnten, zur Gründung von doodle.com geführt. Ich wäre quasi mit Schuld an der heutigen Doodlekratie! Da auf
http://de.wikipedia.org/wiki/Doodle 2003 aber als Gründungsdatum angegeben ist, geht es sich zeitlich, beruhigenderweise, nicht ganz aus. Doodle muss schon ein wenig vorher unabhängig angefangen haben.
Was spricht nun gegen Doodle?
1.
Alles-oder-Nichts. Jede/r kann nur angeben, ob er/sie kann oder nicht. es gibt keine Abstufungen wie: "lieber da nicht, geht aber schon.", "Da versäume ich zwar die ersten 15 Minuten, aber das ist nicht so schlimm.", "Wenn würde ich lieber Freitags, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob auch der überhaupt geht", usw. Zwar gibt es laut Doodle-FAQ nun die kaum verwendete Möglichkeit (mir wurde es noch nie angeboten), die Kategorie "wenns-sein-muss" als Option bei einer Terminfindung hinzuzufügen, jedoch besteht bei weitem noch immer nicht das breite Spektrum, wie gut oder schlecht einem ein Termin kommt, wie es sich bei "normaler" Kommunikation/Diskussion/Terminverhandlung findet. Es ist bei abgestimmten Terminen nicht ersichtlich, wie gut einem der Termin passt oder nicht passt. Man kann auch beobachten, dass Leute die jeweilige Schwelle zwischen ja/nein unterschiedlich setzten. Die einen kreuzen alle Tage an, an denen sie es irgendwie doch schaffen könnten, die anderen nur die Tage, die ihnen besonders gelegen gekommen. Scheinbare Gleichheit der TeilnehmerInnen wird doch zur Ungleichheit, da zweitere viel eher den Termin zu ihrem gewünschten Ergebnis lenken, während erstere bedacht sind, dass überhaupt ein Termin zustande kommt.
2.
Manche späte AbstimmerInnen stimmen strategisch ab. Auf Doodle.com ist einer Person das Zwischenergebnis schon ersichtlich, bevor sie abstimmt. Das mag eine Unterstellung sein, aber manchmal vermute ich, dass wenn z.B. zwei gleichwertige Termine bestehen, manche Personen die spät abstimmen, nur für diesen stimmen, der ihnen noch ein Stückchen lieber wäre, obwohl sie eigentlich zu beiden Terminen könnten. Dies ist eine Variante von Punkt 1, aber nochmal dadurch verschärft, dass sogar die gleiche Person die Schwelle zwischen Ja und Nein für unterschiedliche Tage unterschiedlich setzt.
3.
Bei Doodle abzustimmen, wird nicht mal annähernd als bindend angesehen. Wieviele Leute haben schon gedoodelt, die Festsetzung des Termins wesentlich beeinflusst und sind dann nicht erschienen? Ich hab das schon oft erlebt. Ein krasses Beispiel ist jetzt ein Jahr her. Eine Mehrheit, von übrigens späten Doodlern, hat den sich vorher schon abzeichnenden Termin verschoben und davon ist dann doch fast kaum jemand gekommen. Das, obwohl es sich um ihren Termin handelte. Zusätzlich sind die Personen, die jedenfalls gekommen wären, wenn sie nur irgendwie könnten, überstimmt, d.h. doodlekratisiert, worden. Nur gerade an diesem Tag konnte von diesen kaum eine/r. Meine Hypothese ist: Für Termine, in deren Bestimmung man sich aktiv verbal angebracht hat, fühlt man sich dadurch auch gleich viel stärker gebunden, wenn man sich durchsetzen konnte, bzw. den Nachteil einer anderen Person aktiv zur Kenntnis nehmen musste, usw. Noch dazu Bedarf es ja schon ein ausführlicheres 'Commitment', zumindest einen kurzen Absatz zu schrieben, welchen Termin man aus welchen Grund bevorzugt, als schnell mal irgendwelche Kreuzeln durchzuklicken. Daher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen einen Termin festlegen, denen auch mehr daran liegt.
4.
Es können keine neue Dimensionen aufgemacht werden. Da erinnere mich noch vage ein Freifach, viel später in meinem Studium, Titel: "Verhandeln". Was uns beigebracht wurde: Wenn eine Lösung ausweglos erscheint, das heißt, sich beide Seiten unmöglich treffen konnten, versuche neue Dimensionen öffnen. (Die vorhergehenden Übungsbeispiele waren so angelegt, dass die (geheimen) Vorgaben beider Seiten sich nie treffen konnten, und man irgendwelche Kompensationsgeschäfte dazu erfinden musste, um zu einem Abschluss zu kommen) Beim Ablauf einer Doodle Abstimmung kann keine neue Idee entstehen, wie man vielleicht noch ganz anders zu einer für alle Beteiligten noch befriedigendere Situation kommt.
In Summe: es wird nicht mehr kommuniziert bzw. verhandelt und das ist schade. Macht dies doch ein guter Teil des Sozialseins aus. Ja, ich sehe schon ein, dass nicht jeder Zeit hat, lang über Termine zu diskutieren, besonders, wenn eine/r/m diese nicht so wichtig sind (Dann stimme aber doch bitte bleich nicht ab.) Doodle mag für manche Gruppen funktionieren - und bitte keine Testimonials, "für mich hats aber bei Event X doch super geklappt". Für mich haben manche gedoodleten Termine auch schon geklappt, aber auch schon viele nicht! Es ist jedenfalls wichtig auch mal darüber nachzudenken, welche Nachteile man sich mit dieser scheinbar so einfachen Methode einfangt. Mancher der Kritikpunkte liesen sich ja auch auf die Benutzungskultur zurückführen, anstatt des Artefakts selber. So kann man ja auch anhand der Tabelle doch den Termin nehmen, der zwar nicht die meisten Stimmen hat, jedoch diese Personen beinhaltet, die beim letzten Termin übergangen worden sind - ein Punkt der selbstverständlich bei kommunzierter Terminverhandlung auftaucht, solche Personen stärker zu berücksichtigen. Doch wer macht das nach einer Doodlerei schon? Artefakten sind doch gewisse Skripte eingeschrieben und bei Doodle ist das: Klick-Klick, Submit und weg - kümmert mich nicht weiter. Ergebnis = Stimmenmaximum.
- Doodle Vader